Kuba Teil 3 – Touristenhochburg Trinidad

Das stetig steigende Rattern der Oldtimer, gemischt mit leidenschaftlichen Unterhaltungen und dem heißeren Krähen einiger Hähne holte uns an unserem zweiten Morgen in Havanna zurück in die Wirklichkeit, die kaum realer schien, als die Traumlandschaften, in denen sich bruchstückhaft die Eindrücke unseres ersten Tages in Kuba tummelten.

Schnell war das Nötigste für drei Backpackertage zusammengerafft, etwas weniger schnell ein Hotelkaffee von der gemächlichen Kellnerin ergattert und das Hotelzimmer vorübergehend verlassen. Gertrude die Kakerlake winkte mit den Fühlern zum Abschied kurz aus der Waschbeckenarmatur heraus. Unsere inständige Bitte an die seltsam brünett gefärbte Rezeptionistin mit den passenden Fingernägeln in Überlänge, doch nun vielleicht unsere Abwesenheit über zwei Nächte zu nutzen, die Toilettenspülung in Gang zu setzen, hatte lediglich ein „Sie reisen ab?“ zur Folge. Nach nachdrücklicher Erklärung, dass wir nur kurz unterwegs sein und gerne zu einer funktionierenden sanitären Anlage zurückkehren würden, klimperten die getuschten Wimpern mit leichtem Hall vor dem offensichtlichen Resonanzkörper dahinter. Nicht ganz beruhigt machten wir uns auf den Weg zu dem nahe gelegenen Hotel Deauxville, wo wir auf den Stufen sitzend auf unseren Bus nach Trinidad warteten.

Es dauerte nicht lange und wir warteten nicht mehr allein. Um uns tummelten sich ein gealtertes Hippie-Pärchen, eine junge Weltenbummlerin mit einem sie fast überragenden Rucksack und motivierte Taxifahrer mit leicht meersalzigem Rumgeruch. John Lennon streckte entspannt seine Füße in den groben Sandalen von sich, blinzelte durch die kleinen Brillengläser und erklärte in breitem Schwäbisch, dass wir Zeit hätten. Viel Zeit. Der Bus letzte Woche sei auch erst mit zwei Stunden Verspätung erschienen. Mit einem verträumten Lächeln popelnd seufzte er: „Dasch isch Kuba.“

Zwanzig Minuten später saßen wir glücklich in unserem Bus und winkten John zu, der aufgeregt suchend von Bus zu Bus lief und mit seinem Ticket wedelte. Schräg hinter uns saß bereits katzenartig zusammengerollt die Weltenbummlerin und schnarchte leise. Während wir die Hotels in Havanna abklapperten und weitere Mitfahrer aufsammelten röhrte unser motivierter Reisebegleiter zu schwer erträglichem 90er Pop Unverständliches ins Mikrofon. Aus dem Bus wirkte das Havanna vor dem Fenster in der Morgensonne mehr wie eine entrückte Doku und die ältliche Dame, die mit ihrem Selfiestick ausdauernd vor den geparkten pinken Cadillacs posierte, wie eine Hauptdarstellerin. Im Gehen verteilte sie Zahnbürsten an die Fahrer der Wagen. Unsere Reiseleitung riß uns aus unseren Gedanken. „Wir verlassen Havanna. Let’s fly!“.

Wir flogen vorbei an den immer kleiner und seltener werdenden Häusern Havannas. Fasziniert betrachteten wir die fast menschenleeren Weiten, die sich vor dem Busfenster eröffneten. Wir sahen wogende Wiesen, aus denen ab und an mal der starke, mit Seilen umwickelte Kopf eines Ochsen oder die magere Silhouette eines zum Grasen in der prallen Sonne angebundenen Pferdes zeigte, wild wachsende Palmenwälder und saftig grünes Gestrüpp, immer mal wieder von kleinen Siedlungen mit flachen Dächern und Drahtzäunen unterbrochen. Hin und wieder überholten wir einen der Caballeros, einen der Cowboys, auf dem Pferderücken am Rand der Autobahn, manchmal auch einen Pferdekarren. Autos sahen wir nur wenige. Tankstellen auch nicht.

Bei Kilometer 104 machten wir an einer Raststätte halt. Nicht zum Tanken, sondern weil hier alle Touristen angehalten werden. Schon beim Verlassen des Busses war die Intention des eingelegten Stops deutlich erkennbar. Wir bahnten uns den Weg durch die bereits mit offener Hand wartenden kubanischen Frauen, die in kuriosester, gar nicht unbedingt regional typischer Maskierung auf uns warteten. Ein Junge hielt zur Dekoration ein nur noch flach atmendes Huhn in der Hand. Statt der hierzulande in derartigen Situationen zu erwartenden Heizdecken wurden uns Cocktails und Che-Guevarra-Shirts angeboten. Immerhin wurden die Pina Coladas offensichtlich gleich mit der Rumflasche zum Selbstnachfüllen gereicht. Wir begnügten uns indes mit der kubanischen Colamarke. Die Toiletten waren wie erwartet spannend. Die gemütliche Toilettenfrau schlurfte an der langen Warteschlange der Damen entlang und verteilte ihr kostbares Gut: Toilettenpapier – drei Blatt (einlagig) pro Person. Über die nicht ganz schulterhohen Toilettenabtrennungen fand unter den Touristinnen beim ersehnten Akt selbst dann ein reger Taschentuchhandel statt. Eine ganz neue Art von Gemeinschaftsgefühl machte sich breit.

Der Mann mit Plan wartete derweil gemütlich die leere Autobahn entlang spazierend und sichtete das kubanische Reisemittel der Wahl: einen Laster mit Bänken auf der Ladefläche. Es handelte sich hier um die Luxusvariante – mit Dach. Zurück in unserem nun unanständig und unpassend luxuriös wirkenden Reisebus ging es weiter nach Süden. Die Straßen waren hier zwar holprig, doch bis auf einzelne eindrucksvolle Schlaglöcher nicht in so dramatischem Zustand wie nach unseren Vorabinformationen befürchtet, sodass ich gemächlich den Gesprächen im Bus lauschend vor mich hindöste. Kea, die junge nordamerikanische Weltenbummlerin, die schnell noch Kuba bereisen wollte, bevor die ganzen Amerikaner einströmten, hatte sich mit vier jungen Indern angefreundet. Fröhlich und erfrischend vielseitig ging es von bevorzugten Reiseländern mit einem Wettstreit der kuriosesten Reise über das politische System in Kuba zu den Waffengesetzen der USA. Es wurden grenzübergreifende Detoxrezepte ebenso offen getauscht wie die besten Pub-Crawl-Events der Insel. Dann endlich Berge am Horizont. Die Landschaft veränderte sich und an den vielen Hochspannungsleitungen vorbei genossen wir die sich uns darbietende, hügelige Dschungellandschaft. Wir passierten die Randgebiete von Cienfuegos, konnten die Tramper Kubas mit ihren wertvollen CUC-Scheinen wedeln sehen und da war es endlich! Auf unserer rechten Seite tat sich das ersehnte Meer auf. Karibikbegeisterung übermannte mich. Der Mann mit Plan, besorgt wertvolle Urlaubszeiten am Strand vergeuden zu müssen, knurrte, ich solle lieber das Gestrüpp zu meiner Linken betrachten. Viele böse Blicke und einiges Unheil verkündendes Stillschweigen später erreichten wir Trinidad!

Altstadt TrinidadEin paar Mal vor ihren Häusern gemütlich sitzende Einheimische nach dem Weg fragend lieferte uns unser engagierter Fahrer schließlich in einer Straße wie aus dem Hochglanz-Bilderbuch-Kuba vor einem großen weißen, in der schon tiefstehenden Sonne leuchtenden Tor ab. Wir klopften das erste Mal. Nichts. Zögernd klopften wir nochmal. Nach einiger Zeit näherten sich schlurfende Schritte, die Tür wurde aufgerissen und wir wurden herzlichst von Anita, der Casa-Inhaberin begrüßt und in die große Eingangshalle im Kolonialstil verfrachtet, in deren weiter Kühle sich bereits die Holzschaukelstühle wartend vor den großen Fenstern sammelten, die mit Sonnenuntergang geöffnet und die nachbarliche Kommunikation eröffnen würden. Ein kleines Zimmer am Rand des seltsam verwinkelten Hauses war unseres. Ein Bett, ein Schrank, ein Ventilator und die obligatorische Klimaanlage erfüllten unsere Ansprüche vollauf. Auf der anderen Seite des Hauses gab es unser kleines aber für Kuba sensationell sauberes Badezimmer – mit Lüftungsschlitzen zum Aufenthaltsbereich der gesamten Familie. Über eine schmale Wendeltreppe ging es vom Innenhof auf das Hausdach, imagedas gleichzeitig die liebevoll und wunderschön gestaltete Terrasse mit Blick über die vielen rotbraun gebrannten Dächer Trinidads darstellte. Trotz der gleißenden Sonne regten sich auf den zahlreichen umliegenden Terrassen bereits erste Musiker neben den ausschließlich mit Touristen besetzten Restauranttischen und erfüllten den Ort mit bis in die Nacht reichenden Sambaklängen.

Mich von der Terrasse losreißend stieg ich schließlich wieder nach unten und fand den Mann mit Plan am Rande der Verzweiflung wieder. Die Klospülung. Die als einzige im Casa englisch sprechende Anita war nicht mehr aufzufinden. Dafür aber ihre noch liebenswertere Mutter, die mich aus jeder Falte des natürlichen, gebräunten Gesichts strahlend mit einem Schwall Spanisch überschüttete. Mit rudimentärem Spanisch, viel Gestik und Lachen und jeder Menge Schulterzucken bestellte ich dann aber erfolgreich unser Frühstück, einen Fahrer für den nächsten Tag, lernte weitere vier Familienmitglieder kennen und ließ mir zeigen, wie die Klospülung sich reparieren ließ.

imageStolz und erschöpft ging es dann endlich in den Ort hinaus. Auf Flip Flops balancierte ich das felsenartige Kopfsteinpflaster der Altstadt entlang, hüpfte über das in der Wegesmitte entlang fließende Abwasser und genoß inmitten der Touristenmassen und vor den bunten Häusern sitzenden kubanischen Händlern die wohl nicht ganz authentische aber doch mit unverkennbar kubanischem Flair aufwartende Stadt. Der Mann mit Plan knipste seine Kamera an den uns überflutenden Motiven heiß und bald war eine Erfrischung dringend nötig. Gegenüber von unserem Casa fanden wir die Taverna La Botija, Canchancharadie neben der Spezialität hängender Fleischspieße auch eine erfreuliche Auswahl an Tapas und Cocktails zu bieten hatte und um die Nachmittagszeit relativ leer war. Wir ließen uns an einem der rustikalen Holztische nieder und wurden schnell und freundlich mit einigen Snacks und den ersehnten Erfrischungen versorgt. Canchanchara ist das obligatorische Getränk für einen Besuch in Trinidad und wurde uns dort garniert mit einem der heiß ersehnten Zuckerrohrsticks serviert. Für sensationelle 3 CUC pro Getränk verbrachten wir ganz entspannt einen guten Teil des heißen Nachmittags das süße Zuckerrohr kauend in der gemütlichen Taverne.

imageMit den ersten rot leuchtenden Strahlen des beginnenden Sonnenuntergangs, die sich glitzernd auf den nassen Straßen spiegelten, schlenderten wir wieder los, ließen uns durch die Altstadt treiben, stöberten das ein und andere Souvenir auf und stiegen auf den orangen Glockenturm, der uns einmal mehr den atemberaubenden Blick über die Dächer des nun lebhaft werdenden Trindads im Sonnenuntergang bot. Von überall her klang nun die für die Touristen gespielte Musik zu uns heran. Ein Innenhof lockte uns in sein Inneres. Bei einem weiteren Canchanchara hörten wir zum ersten Mal den Musikern richtig zu und lernten das stetig wiederkehrende Repertoire der vielen Musikcombos Kubas kennen, die jeweils eigene Interpretationen zum Besten gaben. So leidenschaftlich wurde hier El Comandante besungen, wie es später leider nirgends mehr zu finden war.

Etwas in eine andere Welt versetzt stolperten wir aus dem Innenhof hinaus und beschlossen uns auf dem Heimweg noch in unserer liebgewonnen Taverne zu stärken. Diese war nun zu später Abenstunde überfüllt. Einige Musiker gaben in Jazzversion die zuvor wesentlich angenehmer gehörten Stücke zum Besten. Diesmal bekamen wir undefinierbare Fischpampe (wir erahnten Shrimps) auf Toast – und Shrimps. Letztere kamen reichlich und sehr kubanisch daher – viel Knoblauch und ansonsten ungewürzt – und sollten uns beide über die Nacht mehrfach für die reparierte Klospülung danken lassen. Im Rattern des Ventilators ging ein ereignisreicher Tag zu Ende.

imageDen nächsten Morgen begannen wir früh mit einem liebevoll angerichteten Frühstück auf der Dachterrasse. Neben den morgens allgegenwärtigen Thermoskannen mit Kaffee und heißer Milch waren wir nach den kulinarischen Erlebnissen des Vortages dankbar für die Ananas und selbst für das gewöhnungsbedürftige Weißbrot. Das ebenfalls kredenzte Rührei überforderte meinen Magen noch, kam aber zu gleichen Teilen dem Mann mit Plan und meinem neuen Freund Wilhelm, dem auf der Terrasse wohnenden Reptil, zu Gute. Schnell waren dann die Siebensachen für unseren Tag am Strand gepackt. Luxuriös warteten wir in der kolonialen Eingangshalle im Schaukelstuhl auf unseren Fahrer. Bald fuhr Oskar gut gelaunt und mit nassen Locken in seinem klapprigen und heißgeliebten Chevi in Babyblau vor. Das rote Innenleder wurde stilvoll durch die wertvolle Seife auf der hinteren Ablage ergänzt. Hoheitsvoll ratterten wir durch die Altstadt, für die Oskar als einer der wenigen Fahrer eine Lizenz besaß. Oskar grüßte großzügig nach rechts und links, ab und an hielten wir an, um ein Schwätzchen durchs Autofenster zu halten oder Oskars Sohn und Haus kennenzulernen. Dann fuhr Oskar uns – nicht ohne zum Tanken angehalten zu haben – gemütlich vorbei an Möbeltransporten zu Pferd und Unmengen an Fahrradtaxis die wenigen Kilometer zum Playa Ancon hinaus. Winkend versprach er, uns um fünf wieder abzuholen.

imageWir fanden uns inmitten einer Filmkulisse wieder. Vor uns lag ein weißer Sandstrand mit verstreut wachsenden Palmenstauden und einem türkisfarbenen Meer dahinter. Ich rieb mir die Augen. Und das half. Am einen Ende des Strandes ragte ein unübertrefflicher Plattenbau aus vergangenen Zeiten, der Wind hatte Mengen an braunen Algen herangetrieben und das Meer in einen bräunlichen Brei verwandelt. Der weiße Sand war durchzogen von braun knisternden Palmenresten. Dinge, die auf den karibischen Postkarten nie zu sehen sind. Aber um ehrlich zu sein tat das der Begeisterung dennoch keinen Abbruch. Wir stapften mit bloßen Füßen die Brandung entlang, weg von dem Hotelbau und ließen uns schließlich unter einem der vereinzelt installierten Strohschirmen nieder. Schon wurden wir von Louis angesprochen. Louis erklärte uns in einer faszinierenden englisch-spanischen Mischung, dass er hier der  Jefe vom Strand sei und die Schirme kostenlos seien. Wenn wir aber Durst oder Hunger bekämen, dann sollten wir Louis und seinen Jungs, die sich etwas entfernt unter einer großen Palme räkelten, Bescheid sagen. Wir ließen uns also gemütlich nieder, planschten im erfrischenden Wasser, freuten uns über unsere Sonnenhüte, lasen zum wiederholten Male die mitgebrachten Reiseführer, schauten dem einzigen Kitesurfer weit und breit zu und ließen uns vom Jefe und seinen Jungs kühle mit Rum aufgefüllte Kokosnüsse servieren.

Selbst für den anfänglichen Strandmuffel neben mir verflogen die Stunden und bald machten wir uns sehr entspannt und zufrieden auf den Weg, Oskar zu suchen. Dieser wartete bereits unverändert strahlend auf uns und erklärte sich bereit, uns zu einer dringend nötigen Wechselstube zu fahren. Dort schloß uns ein Wachmann die Tür auf und ließ uns eintreten. Unter Vorlage der mitgeführten Paß-Kopien tauschten wir unser noch vorhandenes Bargeld, schnell einsehend, dass das nicht für den Urlaub reichen würde. Wir würden am nächsten Tag die Bank aufsuchen müssen.

imageZurück im Casa sandete der Mann mit Plan dann etwas müde vor sich hin, während ich für den nächsten Abend ein selbstgekochtes Abendessen unserer Gastgeberin auf der Terrasse bestellte. Für diesen Abend begaben wir uns bald wieder hinaus in die Altstadt, passierten Oskar vor seinem Haus in seinem Auto liegend und fanden schnell ein ebenfalls auf einer Terrasse gelegenes, hübsches Restaurant. Die nette Kellnerin in den seltsam deplatzierten Netzstrümpfen servierte uns leckere Kochbananen mit Knoblauch und eine fleischhaltige Paella, die wir uns mit angenehmer Livemusik in der kühler werdenden Luft zu Gemüte führten, während wir von unserem erhobenen Sitzplatz aus das lebhafte Treiben auf der Straße im Blick hatten. Nach dem Essen schlenderten wir zum Plaza Mayor, an dem sich die noch zentralere Treppe und Mittelpunkt des nächtlichen Lebens befand. Unterhalb der zahlungspflichtigen Konzertveranstaltung saßen wir bald mit zahlreichen anderen Touristen und Kubanern, labten uns an den Getränken, die einige Jungs der angrenzenden Kioskbars heranschleppten und freuten uns an dem Leben um uns herum. Zurück im Casa endete unser zweiter Abend in einem erschöpften Koma, das sich auch nicht vom Rattern des Ventilators beeindrucken ließ.

Den nächsten Tag begannen wir erholt und halbwegs erfrischt mit einem Frühstück auf der schon sonnigen Terrasse. Mein Rührei nebst darin enthaltenen Kieselsteinchen ging diesmal an einen Kumpel von Wilhelm, einem niedlichen neongrünen Gekko.

Das für diesen Tag bestellte Taxi war kein Chevi mit Oskar darin, sondern ein roter Ford Baujahr 1957 mit Efrain, der sogar ein paar Brocken Englisch sprach. In diesem setzte er uns in Kenntnis, dass er den Wagen von seinem Vater habe, der ihn von seinem Vater habe. Den Wagen hat er ungefähr so gern wie seinen Sohn, der selbigen übrigens mal erben wird. Während er erzählte ratterte Efrain mit uns über die Altstadtgassen und hielt schließlich mit uns vor dem gewünschten Bankautomaten. Nach kurzem Anstehen lernten wir, dass die kubanischen Automaten grundsätzlich nur Visa nehmen, keine Mastercard. Wir stellten uns also in die lange Schlange vor dem Eingang zur Bank. Efrain döste entspannt an sein Auto gelehnt.

Die geordnet stehende Warteschlange wurde von dem wichtig guckenden Sicherheitsmitarbeiter mit der großen Fliegersonnenbrille und den zu langen Anzughosen beaufsichtigt. Schließlich waren wir an der Reihe und wurden hoheitsvoll einzeln eingelassen. Wir befanden uns in einer großen, kühlen Halle in deren Mitte mehrere Stuhlreihen ordentlich angeordnet waren. Ringsherum waren Schalter eingerichtet, an denen die Bankmitarbeiter in kubanischer Seelenruhe die Kunden bedienten. Unser Aufpasser bedeutete uns hinter der Eingangstür zu warten, schlurfte gemütlich zu einem seitlich stehenden Küchentisch, wo er auf ein abgerissenes Zettelchen eine Nummer kritzelte. Wir bekamen das Zettelchen und durften uns setzen. Ein Versuch des Mannes mit Plan, stehen zu bleiben, wurde nachdrücklich vereitelt. Nun verfolgten wir gespannt die über den Schaltern aufleuchtenden Zahlen. Diese folgten einem geheimen, kubanischen Muster und ließen kein System erkennen. Nach einer guten halben Stunde durften wir dann aber. Freundlich teilte man mir am Schalter mit, dass ohne Vorlage des Reisepasses – Kopien genügten nicht – nichts zu machen sei. Wir gaben auf.

imageEfrain diskutierte vor der Tür Farbe, Form und Liebe seines Wagens mit anderen Wagenbesitzern und fuhr uns entspannt zum eigentlichen Ausgangpunkt unseres Tages – zum Parque El Cubano im Topes de Collantes. Die wenigen Kilometer Weg von Trinidad dorthin enthielten Schlaglöcher, die hier Schlagzeilen als vermeintliche Meteoritenkrater machen würden. Efrain lenkte seinen Wagen ohne genaueres Hinsehen darum herum. Er war schon als Kind im Fluß nebenan zum Schwimmen gegangen. Nach kurzer, abenteuerlicher Fahrt setzte uns Efrain ab und versprach, uns am Nachmittag wieder aufzusammeln. Beim Versuch den Wagen neu zu starten soff dieser ab. Efrain winkte ab und verschwand routiniert unter der Motorhaube.

imageWir betraten den ausgeschilderten Wanderweg, zahlten vor der kurzen Hängebrücke die obligatorischen 9 CUC, der Mann mit Plan stackste fast souverän schwingend über die Brück und wir fanden uns im domestizierten Dschungel wieder. Vorbei an gigantischen Bambussträuchern ging es den touristisch aufbereiteten Spazierweg entlang. Wir tauchten ein in eine dichte Pflanzenwelt aus Palmen, grün wuchernden Schlingpflanzen, Sträuchern und schwülwarmer Luft. Unmengen von Fotos, Mückenstichen und Schweißtropfen später erreichten wir eine traumhafte Lichtung, an der der Fluß einen kleinen, seichten See in Türkisblau bildete. Im Nu hatte ich die ohnehin nur spärliche Kleidung entfernt und war in dem unbeschreiblich wundervoll kühlen Wasser, auf dessen Oberfläche sich Sonne und Palmen spiegelten, verschwunden. Der leicht schlammige Untergrund legte sich weich um die Füße und die tausend kleinen Fische überzeugten sich mit kurzem Stupsen davon, dass ich nicht essbar war.

imageDer Mann mit Plan wartete, noch etwas skeptisch, auf mein Überleben, knipste die Kamera heiß und schwitzte dann mit mir gemeinsam dem Höhepunkt unserer Wanderung, dem Wasserfall, entgegen. Vorbei an Mengen von Wespennestern, amerikanischen Touristen, Strohhütten mit Lagerfeuerduft und einer atemberaubenden Pflanzenvielfalt marschierten wir durch unser Dschungelerlebnis und erreichten schließlich den 9 Meter hohen Wasserfall mit einem tiefen, klaren See darunter und einer tiefen, von Fledermäusen besiedelten, Höhlenhalle dahinter. Auch zu dieser frühen Stunde schon von zahlreichen Touristen heimgesucht war der Wasserfall aber noch nicht völlig überlaufen, sodass wir unsere Sachen ablegen und mit einem Sprung von den Felsen das kühle Nass erreichen und genießen konnten.

imageAls bald immer mehr Touristengruppen eintrafen machten wir uns auf den Rückweg. Vorbei an Bienenstöcken, farbenfrohen Schmetterlingen, vielfältigen Echsenarten, Wespenwaben und Mückenschwärmen trotteten wir gemütlich den schon bekannten Weg zurück, hopsten (zumindest 50 Prozent von uns) begeistert über die Hängebrücke und stärkten uns beim Warten auf Efrain mit den beiden Biersorten der Insel.

Pünktlich erschienen Efrain und sein Ford und machten sich mit uns auf den Rückweg nach Trinidad. Am steilsten Teil des Weges nahm Efrain Anlauf, der Motor heulte, wir erreichten fast die Kuppe, wurden langsamer – und rollten zurück. Neuer Versuch. Anlauf, auf die Steigung, Luft anhalten und leicht machen, langsamer werden, zurückrollen. Nach einem weiteren Versuch zuckte Efrain die Schultern, tätschelte seinen Wagen mit den Worten „he is tired“ und nahm einen anderen Weg. Stolz strahlend lieferte er uns wenig später an unserem Casa ab.

Streets of TrinidadWir schnappten uns unsere dort belassenen Pässe und machten uns nun zu Fuß auf den Weg in den neueren Teil der Stadt, um einen erneuten Versuch mit der kubanischen Bank zu wagen und bei dieser Gelegenheit den Abfahrtsort des Busses am nächsten Tag ausfindig zu machen. Die Nadeldruckerkarte konsequent verkehrt herum haltend lotste ich uns in die immer weniger touristischen Bereiche, wo Trinidad ein bißchen havanna (hier ein zustandbeschreibendes Adjektiv) wurde. Die Straßen wurden (noch) unwegsamer, die Häuser schäbiger, der Unrat größer. Es ging vorbei an abgenagten Knochen, über Pferdeäpfel, durch Abwasser und vorbei an struppigen, apathischen Straßenhunden. Die vor ihren Häusern im Schatten dösenden Kubaner schauten uns leicht irritiert, aber freundlich nach. Eine alte Frau bedeutete mir besorgt, doch aus der gleißenden Sonne zu gehen. Ein Mann führte sein Schwein vorbei. Die Zeit begann still zu stehen.

Eine freundliche Frau mit Einkaufsnetz erklärte uns tanzend den Weg zurück in das Zentrum der Stadt. Unter dem schadenfrohen Grinsen des Mannes mit Plan trabten wir den nun gar nicht mehr so kurzen Weg in das neuere Zentrum, fanden zügig den großen Platz vor dem Iberostarhotel, an dem die Reisebusse abfahren und kurz darauf auch die gerade noch geöffnete Bank. Schon gekonnt stellten wir uns an, erhielten unsere Kugelschreibernummer und imageversorgten uns nun endlich wieder entspannt mit den nötigen Geldmitteln. Ein kurzes Schlendern durch die Straßen brachte uns schnell zum Rum- und Zigarrenladen. Hier wurde ausnahmsweise auch mal die Landeswährung CUP akzeptiert. Der 7-Jährige Havannarum kostete 8.750 CUP. Deutlich weniger kostete der klare Einjährige, den die in den ruhigeren Ecken liegenden Kubaner im Arm hielten.

Wir stärkten uns nebenan mit einem Bohnen-Schinken-Fladen im El Taco Loco. Die gut gelaunte Bedienung versuchte mir die Getränkeauswahl zu erklären. Ich verstand kein Wort und bestellte zu ihrer Begeisterung irgendwas. Irgendwas schmeckte lecker. Satt und zufrieden ließen wir uns weiter durch die Stadt treiben, zurück Richtung Altstadt, die langsam erwachte. Aus offenen Wohnzimmerfenstern wurden Souvenirs verkauft, der Mann mit Plan erhandelte mir eine Comandante-Mütze, dann verlor ich ihn kurzzeitig an eine hübsche Kubanerin. Auf einer kleinen, eingezäunten Terrasse am Rande der Souvenirshops stießen wir bei einem Canchanchara auf einen wundervollen Tag und den Sonnenuntergang an.

Plötzlich gab es ein lautes Knallen, Menschen schrien und brachten sich in Hauseingängen in Sicherheit. Funken flogen. Einer der über den Häusern angebrachten Sicherungskästen hatte für Feuerwerk gesorgt. Die umliegenden Häuser waren ohne Licht. Auf dem Platz vor uns fuhr Oskar vor und winkte. Er hatte Feierabend und öffnete eine Bierdose. Zwei Touristinnen sprachen Oskar an. Die Bierdose verschwand hinter Oskars Rücken. Die Touristinnen stiegen ein. Zwei Drinks später wurde dem angerückten Elektroteam applaudiert. Einer der Jungs kletterte den Mast hoch, es erklang lautes Kloppen und das Licht war wieder da. Das Elekroteam fuhr wieder ab. Noch einen Drink später knallte es erneut. Diesmal lauter und länger. Die Funken arbeiteten sich die Leitung entlang auf unsere Terrasse zu. Der kubanische Transvestit mit Lacktäschchen neben uns kreischte aufgeregt. Nachdem sich unsere etwas ungehaltene Bedienung weigerte mit dem leicht angetrunkenen Mann mit Plan durchzubrennen beschlossen wir, weiterzuziehen.

Nach einem weiteren Mojito am Plaza Major erreichten wir im Zustand der deutlich gesteigerten Lebensfreude unser Casa, wo uns ein sensationelles Abendmahl aus Chiccaritas (Kochbananenchips), Bohnensuppe, Shrimps mit Reis, Yuko und Salat erwartete. Glücklich und zufrieden endete unser Aufenthalt in Trinidad mit Blick auf die beleuchteten Dächer im Salsarhythmus.

 

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Berge und Blödsinn im Berchtesgadener Land

Als ausgesprochenen Flachlandtirolern, putzige Gebirgsketten der Umgebung einmal nicht mitgerechnet, übermannt sie uns zuweilen, die Sehnsucht nach frischer Bergluft. Wir nutzten also die Tage der bunten Eier für einen Ausflug ins Land der traumhaften Landschaften und der gelebten Satire – nach Bayern.

Unanständig früh quälten wir uns am ersten Tag der Eierfeierei aus den viel zu gemütlichen Kissen und gelangten nach morgendlichen Planirritationen des Mannes mit Plan immer noch ziemlich früh auf die tatsächlich noch leeren Straßen gen Süden. Mit dem erwarteten, aber doch mäßigen Stau auf den allseits verhassten Autobahnabschitten des Südens und bei stetig schlechter werdender Wetterlage erreichten wir nach einigen Stunden unser Hotel Wimbachklamm, direkt am Eingang derselben in Ramsau, Berchtesgaden.

Fast ausgestorben wirkten der Ausflugsparkplatz, die geschlossene Pension nebenan und auch unser nett und liebevoll mit Blumenschmuck und Kinderspielzeug dekoriertes Hotel. Aber glücklicherweise gibt es ja das Weltreisevolk der Japaner, die auch hier nicht fehlten und das breite Bayrisch der Region mit ganz anderen Lauten mischten. Wir wurden bei Ankunft liebenswert von der jungen Wirtin empfangen, die souverän eigene und Nachbarskinder dirigierte während sie zahlreiche Ausflugstips für uns hatte und entschuldigend erklärte, dass dem bayrischen Fremdenverkehrsamt mit seinen Formularen noch nicht bekannt sei, dass auch unverheiratete Paare neuerdings zu gemeinsamen Reisen berechtigt seien. Ich büßte also kurzerhand meinen Nachnamen ein und wir erhielten trotz unseres Eingeständnisses, keiner Kirche zugehörig zu sein, unseren Zimmerschlüssel.

Die aufgrund des eingesetzten grauen Regenwetters bei mir etwas getrübte Stimmung wurde aufgehellt durch das unfassbar gepflegte und geräumige Zimmer, dessen großer Eingangsbereich nebst Sitzbank bereits auf starke Frequentierung von Wander- und Skischuhträgern schließen ließ. Ein erneutes Kichern entlockte mir unsere Wirtin dann bei der Nachfrage nach kurzen Wanderungen für den Nachmittag. Sie empfahl die kleine Kirche des Ortes, die sei dieser Tage nämlich dunkel. Nach kurzem Innehalten ergänzte sie grinsend: „Wegen Jesus und dem Kreuz und so, wisst’s?“. Wir versicherten lachend, insoweit über das gängige Märchen aufgeklärt zu sein und richteten unsere Schritte weg vom Ort und Richtung Berge zum Wimbachschloß am Ende der Wimbachklamm.

_MG_1565In hochfunktionale Regenbekleidung eingepackt stapfte ich maulend (kalt, naß, Hunger, Pipi) hinter dem schwärmerisch die ausdruckstarken Wolkenberge fotografierenden Mann mit Plan her. Wir passierten eines der beiden Wirtshäuser in der Umgebung. Warme Küche täglich bis 20 Uhr. Im Sommer. Die Wimbachklamm war, wie bereits von unserer Wirtin angekündigt, geschlossen. Wie sich später herausstellte, sollten Wirtshaus und Klamm damit nicht allein bleiben. Wir legten unsere Höhenmeter also auf der gut ausgebauten und für jeden begehbaren Waldautobahn zurück, marschierten entlang des leeren Flußbettes und später auch in selbigem und trafen bald auf den ersten Schnee. Hatte es in der Gegend wie fast überall in der Wintersaison an dem weißen Zeug gemangelt, so gab es pünktlich zum Hasenfest den ausgleichenden Nachschlag. Von der weißen Pracht durchaus angetan erreichten wir bald das Wimbachschloß, eine kleine bewirtschaftete Hütte, die gerade mangels Gästen schloß. Weiter hoch? Klar, im Sommer. Die Wirtsleute zuckten mit den Schultern und zeigten auf die unter der Schneedecke schon fast nicht mehr erkennbaren Wegmarkierungen. Kein Durchkommen zur Zeit. Etwas entmutigt machten wir uns auf den Rückweg. Der Watzmann würde an diesem Wochenende auf uns verzichten müssen.

Von einer heißen Dusche wiederbelebt trotteten wir rechtzeitig (Küche generell in Ramsau nur bis 20 Uhr) durch ein paar Pfützen, eine rutschige Bachbrücke mit nur einem Geländer entlang und über die den Ort teilende Bundesstraße zum verbleibenden und tatsächlich geöffneten Wirtshaus nahe unseres Hotels. Hier wurden wir im heimeligen und ebenso liebevoll wie detaillreich dekorierten Gastraum des familienbetriebenen Gasthof Rehwinkel empfangen. Saisonbedingt waren zwar die meisten Tische leer, die Karte bot jedoch genug landestypische Auswahl auf – wie sich zeigte – höchstem Niveau und die Bedienung durch die durch eine Gehbehinderung etwas eingeschränkte aber umso nettere und kompetentere Wirtin ließ keine Wünsche offen. Mit sensationell würzigen Kaasnocken und kreativ angerichtetem Nachtisch sowie einer Auswahl lokaler Getränke angefüllt hopsten wir deutlich besser gestimmt Straße, Brücke und Pfützen zurück und fielen in einen granitähnlichen Schlaf.

Das morgendliche Blinzeln ließ bereits eine Verbesserung der Wetterlage innerhalb und außerhalb des Hotelzimmers erahnen. Nach einem kräftigen Frühstück am handgemachten Buffett des Hotels und ausgiebiger Planbesprechung mit unserer überaus engagierten Wirtin akzeptierten wir seufzend, dass die von mir geliebten anspruchsvolleren Wanderwege in höhere Bergregionen ganz toll seien, im Sommer. Unser Ausweichweg sollte uns von der Wimbachklamm in den etwas niedrigeren Regionen oberhalb des langgestreckten Ramsau über die Schärtenalm nach Hintersee führen. Wir marschierten also mit zum Sonnenschein proportional steigender Stimmung los, freuten uns über den schafähnlichen Hütehund der gemeinen Steinschafherde, überstanden diverse Mann-mit-Plan-Stops und kamen ziemlich bald auf die uns eher liegenden Wanderpfade, die etwas verschlungen, aber gut begehbar durch die sonnigen Wälder führten. Es dauerte nicht lange, bis wir durch knöchelhohen Schnee stapften. Die (von mir skeptisch) erst kürzlich angeschafften Gamaschen wurden angelegt. Dann erreichten wir die schon etwas dichter beschneite Wegkreuzung, an der eine Waldautobahn uns mit vielen Fußstapfen im Schnee rechts bergab zur Schärtenalm und mit unberührter Schneedecke links bergauf zu Hoch- und Eckaualm führen wollte. Völlig logisch warfen wir bisherige Pläne über den Haufen und gingen nach links.

_MG_1638Belohnt wurden wir von dem uns still und glitzernd umgebenden Wald und erreichten bald die Eckaualm, an der wir begeistert eine Weile durch die bis dahin unberührte Schneedecke hopsten und an deren Seite wir schließlich wieder in den Wald eintauchten. Die alles bedeckende und steigende Schneeschicht gab unserer Umgebung etwas ebenso Zauberhaftes wie schnaufend Anstrengendes. Gerade als der breite, unter der Schneedecke noch gut erkennbare Weg endete und wir sinnierend vor einem gerade noch sichtbaren Wegweiser inne hielten, wurden wir von einem ambitionierten Skitourengeher überholt, der zielstrebig auf den breiten Ski über den Schnee bergauf schwebte. Derartig motiviert folgten wir den Spuren des bald Verschwundenen und kämpften uns tief in den Schnee sinkend Schritt für Schritt den Berg hinauf. Den Kreislauf in Schwung gebracht entledigten wir uns nach und nach den verzichtbaren Kleidungstücken und begannen an einem angemessenen Sonnenbrand zu arbeiten. Gefühlt fern jeglicher Zivilisation (eingeschneite Bänke am Wegesrand zählen nicht) und versunken in die Idylle unserer Umgebung vernahmen wir ein lautes Donnern. Bei blauem Himmel, an dem kein Wölkchen zu sehen war, richteten wir unsere Blicke auf die gar nicht so weit entfernt liegenden Felswände. Und richtig, hier rieselten mit eindrucksvoller Lautstärke riesige Schneemengen den Hang hinunter. Da war sie, unsere erste Lawine, ebenso anmutig wie gewaltig.

Zweifelnd, ob wir weiter den Spuren im Schnee auf den schon nicht mehr wirklich zu erahnenden steilen Bergpfaden folgen sollten, kam ein weiterer Herr auf seiner Skitour heran. Zuerst erreichte uns der enthusiastisch durch den Schnee kugelnde und ab und an unbeeindruckt seicht abstürzende Labrador, dann das bayrische Sporturgestein auf Ski. Freundlichst bekamen wir die Auskunft, dass es nicht mehr weit bis zur heute besonders sehenswerten Hochalm sei. Dann kamen die ebenso gruseligen wie glaubhaft vorgetragenen Erlebnisberichte aus vergangenen Tagen. Verschüttet im selbstgebauten Iglo unter einer Schneeschicht von 5 Metern. Das gerade noch rechzeitige Graben eines Luftschachtes. Das den Folgetag andauernde Graben an die Oberfläche. Gebannt lauschten wir im Grollen der uns umgebenden Lawinen der uns gebotenen Live-Dokumentation. Es folgte ein Crash-Kurs in Lawinenkunde. Wir bedankten uns strahlend und angemessen beeindruckt mit einem Apfel für den ungeduldigen Vierbeiner und machten uns langsam daran, den Spuren unseres zügig entschwindenden Berichterstatters zu folgen.

_MG_1651Gar nicht lange Zeit später traten wir dann auf die weite, atembraubend daliegende Lichtung, die Hochalm. Umgeben von Felsmassiven, von denen sich im strahlenden Sonnenschein angewärmte Schneelawinen laut polternd lösten, bot sich uns eine glatte, glitzernde Schneefläche mit einigen malerischen Nadelbäumen und einer kleinen Hütte am Rand. Unser Berichterstatter, den wir hier wieder einholten erklärte sich enthusiastisch bereit, einige Foto von uns vor der sensationellen Kulisse zu machen und überließ uns dann winkend der gewaltigen Stille. _MG_1696Einige andächtige Momente, zwei Schneeengel, mehrere Schneewettrennen und viele Albernheiten später rissen wir uns von diesem ganz besonderen Ort los und machten uns an den Rückweg. Auf einer erst am Ende abweichenden Route stiegen wir erfüllt von Sonne, Berg und Glückseligkeit gerade rechtzeitig zum phänomenal rot leuchtenden Sonnenuntergang hinunter in die Ortsmitte von Ramsau.

Im Ort angekommen wärmten wir uns im einzig geöffneten Café stilecht echt an Kaffee und lokalem Berg-Enzian. Etwas weiter die Ortstraße Richtung Osten entlang ließen wir uns vor der netten Wirtin des Sonnenecks im überdachten Pavillon bei merklich abkühlender Abendluft noch zum Probieren des hervorragenden selbstgemachten Destillats überreden, bis wir schließlich am Bach entlang nach kurzem, kräftigen Fußmarsch bei gerade eingebrochener Dunkelheit wieder unser Hotel erreichten. Kurz geduscht trabten wir ausgehungert und glücklich wieder den Pfützen-Brücken-Straßen-Weg zum Gasthof Rehwinkel und labten uns bald am verdienten Hellen sowie den vorzüglichen Fleischpflanzerln.

Aus der Küche klang passend zu dieser Jesus-am-Kreuz-Sache das übliche Kirchengedudel, das hier sogar irgendwie passend schien. Einige Tische hinter uns lästerte eine aufdringliche Frauenstimme in gekonnter Stammtischmanier über Kopftuchträgerinnen. Plötzlich erschien sie an unserem Tisch. Schön sei das, dass der junge Koch auch der Ostermesse lausche. Da müsse sie dieses Jahr gar nicht ins Kloster. Zu müde für Realsatire nickten wir höflich. Ob wir denn auch katholisch seien? Oder etwa doch evangelisch? Kopfschütteln von uns. Nix davon. Die Dame stockte merklich und atmete dann auf: „Achso, da san’s aus’m Osten. Weil im Westen, da san’s ja alle getauft worden!“. Wir verneinten höflich und wandten uns den Kaltgetränken zu. Die Gute zog ab. Endlich. Eine Viertelstunde später war sie wieder da. „In Bayern, da wählt man CSU!“, begann sie das Gespräch. Ihre ganze Familie gehöre da auch dazu. Die Wände nach einer versteckten Kamera musternd erklärte ich, dass wir glücklicherweise aus Hessen seien. Das versöhnte sie. Der Bouffier sei ja auch ganz in Ordnung, da hätten wir Glück gehabt. Bevor mein Kopf die Tischplatte erreichte verschwand sie wieder. Wir trösteten uns mit dem hier ebenfalls exzellenten Jagertee und verabschiedeten uns wortreich und begeistert von der Wirtin. Im Rausgehen brüllte uns die eingeschränkte Schrabnelle nach, wir sollten CSU wählen, wenn wir mal nach Bayern zögen. Noch immer von einer Satireshow überzeugt konnte ich den sonst so ausgeglichenen Mann mit Plan nicht davon abhalten umzukehren und grundlegend so Einiges klarzustellen. Tränen lachend hopste ich ganz furchtbar verliebt auf dem Rückweg in jede sich findende Pfütze.

_MG_1710Nach einer im friedlichen Tiefschlaf verbrachten Nacht und erneut hervorragendem Frühstücksbuffet ging es wieder bei bestem Wetter in die Berge. Schärtenalm und Blaueishütte mit einem Abstieg drüben nach Hintersee sollte es diesmal werden. Die Schneeerlebnisse vom Vortag stimmten uns enthusiastisch. Wir stapften also relativ niedrig die Waldpfade entlang, bis wir nach und nach ansteigend wieder schneebedeckten Boden sichteten. Nicht allzu spannend vom ausgebauten Weg her, aber durch die mit der Zeit wieder recht hohen Schneemassen doch äußerst angestrengt erreichten wir nach geraumer Zeit schnaufend die Schärtenalm. Malerisch mit Blick über das tief im Tal liegende Ramsau lag die zugeschneite und um diese Jahreszeit geschlossene Hütte da. Wir genossen bei einer kurzen Rast den Ausblick.

Durch schnell mehr als kniehoch liegenden Schnee wühlten wir uns weiter bergauf Richtung Blaueishütte. Nur ein Wanderer war hier vor uns, seit der Schnee gefallen war. Wir folgten den Fußspuren. Steiler wurde der Weg und immer tiefer sanken unsere Tritte in den Schnee. Immer öfter blieben wir verschnaufend stehen. Die Muskeln brannten. Aber wir hatten Feuer gefangen, da wollten wir jetzt hoch. Viele angestrengte Schritte später traten wir aus den letzten Bäumen der Baumgrenze hervor. Von den hier sehr nahen Felswänden rechts und links von uns rutschten kleinere Schneebälle herab. Innehaltend und rückblickend stellten wir fest, wie in einem Trichter auf der einzig großen Schneedecke zu stehen, auf die nun freundlich und gefährlich die Sonnenstrahlen fielen. Die Umgebung betrachtend fanden wir uns also kurz vor der Blaueishütte damit ab, dass wir Darwin beachtend hier nicht weiterkommen würden. _MG_1716Schallend ging nicht weit entfernt eine Lawine die steile Wand hinab. Wir machten uns also begeistert schlitternd und rutschend, aber durchaus vorsichtig und mit Bedacht an den Abstieg. Mit vor Erschöpfung zitternden Beinen, aber wieder völlig begeistert stapften wir bald wieder halbwegs normal begehbare Wege hinab, kauten zufrieden auf sauberem Schnee herum und trafen lange Zeit später müde in Hintersee sein.

So langweilig der Hintersee daliegt, so lange dauert es auch, ihn mit müden Beinen und wunden Füßen zu umrunden, bis man die einzige Seite erreicht hat, an der sich die auf am See flanierende Touristen wartenden Gastronomiebetriebe sammeln. Endlich dort angekommen ersäufte sich der Mann mit Plan auf einer der Terrassen leidenschaftlich in dem eimerähnlich servierten halben Liter Weißweinschorle. Mit einem ebenfalls isotonischen Kaltgetränk ausgestattet und Blick auf die eben fast erklommene Anhöhe und dem See im Vordergrund versöhnte ich  mich auch mit dem Tal etwas und wir beschlossen begeistert, hierher zurück zu kommen. Im Sommer.

Eine nette, aber nicht mehr eindrucksvolle Wanderung durch den im Tal liegenden Zauberwald später erreichten wir wieder die Ortsmitte von Ramsau. Wir steuerten zielstrebig das uns zuvor schon aufgefallene Wirtshaus Waldquelle an. Von uns unerwartet war hier österlicher Heimatabend. Ab 19 Uhr spielte die Ramsauer Klarinettenmusi auf. Die gestresste, aber liebenswerte Bedienung platzierte uns am letzten freien Tisch und überließ uns die mit Spezialitäten aus der Region überlaufende, mundwässernde Speisekarte. Die Ramsauer Jugend, die das Studienalter noch nicht erreicht hatte und vor Ort war, sammelte sich in den Gasträumen. Man trug Tracht und trank Bier. Wir integrierten uns nach Kräften und verspeisten bei gekonnt und nich allzu ambitioniert vorgetragener Volksmusik das seit Langem sensationellste Essen – Ente und Schweinsbraten. Wir schlossen mit einem Querdrunk durch die ergiebe Auswahl an kurzen Getränken einen erlebnisreichen und wundervollen Tag ab.

_MG_1774Entspannt und ausgeschlafen mit vorerst nur leichtem Muskelkater räumten wir am nächsten Vormittag unser Hotelzimmer und machten uns auf den Weg zum Salzbergwerk Berchtesgaden. Aus Erfahrung mißtrauisch konnte ich uns durch mehrfaches Nachhaken davor bewahren in Bad Reichenhall zu landen, wo der Mann mit Plan das von ihm bereits vorab gebuchte Bergwerk vermutete und wir nutzten die so gewonnene Zeit für einen Abstecher an den Königssee. Gemütlich schlendernd genossen wir den sagenhaften Blick über den zwischen den steilen Hängen gelegenen, blauen See und erlaubten uns ein letztes landestypisches Weißbier in dem am Wasser gelegenen Biergarten, wo wir die letzten Sonnenstrahlen des noch frischen Tages aufsaugten und einen wundervollen Urlaub Revue passieren ließen.

Das Salzbergwerk Berchtesgaden ist mit Bahn, Gruppenfotos, Rutschen, Lichtershow und Overalls für Besucher perfekt durchorganisiert, aber trotzdem es eher wenig informativ ist dennoch einen Abstecher wert. Gut gelaunt und munter machten wir uns also auf den Heimweg, umgingen die gar nicht so dramatischen Feiertagsstaus auf den südlichen Autobahnen, wurden von drastischen Gewittern fast von der Straße gespült und erreichten müde, aber erholt wieder heimatliche Gefilde. Begeistert von einer der schönsten Bergregionen bestehen in unseren Köpfen bereits die gar nich so weit in der Zukunft liegenden Rückkehrpläne. Wir kommen wieder, mit Verstärkung!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Sonnenbrandanfang in Barcelona

Der junge Mann in seinen fidelen Sechzigern offenbarte mir vor einiger Zeit, dass er in zahlreichen Geschäftsreisen zwar das Verkehrschaos des einstigen Barcelona’s erlebt, aber nie die Sagrada Familia gesehen habe. Grund genug, das zu ändern. Zum Geburtstag gab es also Sangria statt Torte.

Die lohnenswert günstigen Handgepäcktarife der Lufthansa nutzend erreichten wir Samstag Nachmittag den Flughafen. Dieser hat sich in den letzten Jahren verändert. Die Sicherheitskontrollen sind strikter geworden. Die durchsichtigen Beutel für die Mitnahme von Flüssigkeiten hatten wir noch vorausschauend erfolgreich deponiert. Das Leeren der Taschen stieß auf ersten Widerstand bei dem mit mir reisenden Herrn. Die Tabletten auch noch herzugeben, das war dann schließlich zuviel. Er verweigerte. Die Sicherheitsmitarbeiterin geriet erstmals leicht aus der Fassung. Die Tabletten landeten aber letztlich doch noch in der zu durchleuchtenden Kiste, der mit mir reisende Herr im Personenscanner. Dort wurde dann die Gürtelschnalle bemängelt. Die Schuhe sollten auch aus. Nachdem dies unter nicht ganz leiser Empörung endlich mühsam geschehen war, fiel auf, dass die Tabletten auf der anderen Seite des Laufbandes nicht mehr da waren. Die Sicherheitsmitarbeiterin geriet in flatterhafte Panik. Sämtliche Mitarbeiter begaben sich auf die Suche über und unter und im Laufband. Es stellte sich heraus, dass die Dame, offensichtlich etwas eingeschüchtert, die Tabletten zur Sicherheit in die Jackentasche geschoben hatte – damit sie auch wirklich nicht verloren gehen. Mit einem Grinsen, das breiter nicht werden konnte, dirigierte ich uns schließlich zum Gate.

Am frühen Abend erreichten wir komfortabel den Flughafen von Barcelona, wo wir ebenso unkompliziert mit einem der fast nahtlos fahrenden Aerobusse in die Innenstadt zum belebten Plaça de Catalunya kutschiert wurden. Von hier ging es direkt die überfüllte Rambla hinunter. Vorbei an Souvenirständen, durch demonstrierende Menschenmengen und vor Autos in Sicherheit hüpfend passierten wir die gerade schließenden Markthallen der Boqueria und erreichten in der gegenüberliegenden, gleichnamigen Gasse unser wirklich unbeschreiblich zentral gelegenes Hotel Condal. Unkompliziert und nett händigte man uns die Zimmerschlüssel aus. Zimmer zum überdachten, künstlich beleuchteten Innenhof garantierten ruhige Nächte und schlechte Luft. Alles in allem ein für die Lage angemessenes Opfer.

In der Abenddämmerung schlüpften wir rasch wieder auf die belebten Altstadtgassen und ließen uns durch das gotische Viertel, das Barrio Gótico, treiben. Die vielen kleinen Läden schlossen ihre Fenster, die vielen Bars und Restaurants öffneten die ihren noch etwas weiter. Einer Auslage mit Tapas und Paella konnten wir dann bald nicht mehr widerstehen und landeten in einem etwas orientalisch angehauchten Restaurant mit einem netten Kellner und vorzüglichem Hauswein. Die Paella war dann, wie an dieser Lage schon befürchtet miserabel aber sättigend, sodass wir zufrieden weiter durch die Straßen ziehen konnten.

Nach vielem Abbiegen in kleine Gassen, mehrfachem Im-Kreis-Laufen und Flüchten aus allzu dunklen Ecken packte uns der Durst. Im gefühlt dichten Häuserdschungel schlüpften wir an einem der dicht tätowierten und sehr bärtigen Türsteher vorbei und fanden uns im „Nevermind“ wieder. Hier war der Name nicht nur musikalisch Programm. Auf wackeligen Barhockern bekamen wir das allgegenwärtige Heineken zu Dumpingpreisen und noch eine Schüssel Popcorn obendrauf. Inmitten des gemütlichen Skater-Punk-Rock Publikums, das sich überwiegend auf den ausrangierten Halfpipe-Möbeln räkelte, stießen wir gekonnt auf den Geburtstag irgendwo in den 60ern an.

Nur geringfügig übermüdet gab es am nächsten Morgen einen Hotelkaffee und dann waren wir auch schon wieder auf der Straße – IMG_3215und mitten in einem mittelalterlichen Umzug, mit riesigen, tanzenden Hähnen und vielen katalanischen Flaggen. Mithüpfend erreichten wir die (sonntags geschlossene) Boqueria, verschoben den Gedanken an Frühstück auf später und machten uns auf zum Park Güell. Den angeblich bis zum Eingang fahrenden Bus sahen wir mehrfach in entgegengesetzter Richtung an uns vorbeifahren, sodass wir den recht steilen Aufstieg zum Park bei strahlendem Sonnenschein dann doch in aller Ruhe zu Fuß erledigten. Den Eintritt in den Park, der nur für die Terrasse und die darunter liegende Säulenhalle anfällt, hatten wir nicht reserviert, bekamen aber nach kurzem Anstehen noch Karten für den gleichen Mittag.

IMG_3186Wir schlenderten also durch die weitläufige, von Gaudi gestaltete Parkanlage, lauschten den in den Palmen in riesigen Nestanlagen lärmenden Sittichen und waren angemessen von verschlungenen Säulenwegen und dem Ausblick über die Stadt beeindruckt. Viele leidenschaftliche Versuche ein Bild ohne Japaner zu schießen später war es dann soweit: wir durften auf die zigfach abgebildete und geprießene Terrasse des Park Güell. IMG_3198Leicht kritisch begutachteten wir die gewellten Sitzbänke mit den bunten Keramikmosaiken und es zeigte sich, dass diese nicht nur hübsch anzusehen, sondern auch von äußerst bequemem praktischen Nutzen sind. Wir hielten für eine entspannte Sonnenbrandlänge Siesta.

IMG_3202Die Säulenhalle unter der Terrasse war dann nicht nur äußerst kühl, sondern vor allem auch langweilig. Wir durchschritten diese zügig, hielten uns in der Nähe des Ausgangs noch unter fotografischem Japaner-Limbo eine Weile bei dem ebenfalls weitbekannten Keramiksalamander auf und entschieden dann, dass es Zeit für die Nahrungsaufnahme sei. Nach einem kurzen Halt in einem der vielen Souvenirshops erreichten wir mit dem obligatorischen Kühlschrankmagneten und einem Wegbier wieder die Metrostation Lesseps und ließen uns bis zur Station Diagonal mitnehmen, wo wir die Edelpromenade Passeig de Grácia betraten und hinab schlenderten.

Vorbei an einem weiteren von Gaudis Bauwerken, dem verschlungen weichen Casa Milà, IMG_3231erreichten wir in einer Seitenstraße schnell die ebenso touristisch bestürmte wie einheimisch belagerte Cervecería Catalana, wo wir nach kurzer Wartezeit mit einer Auswahl an sensationellen Tapas und leckerer Sangria versorgt wurden. Glücklich gesättigt ging es zurück auf den Passeig de Grácia und zum Fototermin mit den nächsten Hinterlassenschaften Gaudis. Das Casa Batlló und das Casa Amatller stehen so eng und unterschiedlich zusammen, wie es sonst nur zwei Erstklässlerinnen bei der Einschulung vermögen, deren Lebenswege sich nach wenigen Jahren grundlegend trennen werden. Eines rund und verspielt, das andere eckig und fast langweilig, aber beide von enthusiastischen Besuchern vielfach abgelichtet.

Für uns ging es weiter den Passeig de Grácia entlang, bis wir den uns nun schon wohlbekannten Plaça de Catalunya wieder erreichten und geradeaus weiter zurück ins Barrio Gótico, wo wir auf die alte gotische Kathedrale trafen. Wer schon einige der großen gotischen Bauwerke der Welt gesehen hat, dem stockt hier nicht der Atem. Sehenswert ist sie aber allemal. Völlig unbeeindruckt von dem nicht abreisenden Touristengewusel im Eingangbereich jodelte ein Mann im Kleid von der Empore hinab auf ein Häufchen andächtig lauschender Gläubiger und eine Reihe kopfschüttelnder Realisten.

Wieder draußen in den Gassen Barcelonas hatte die Dämmerung eingesetzt und das Zeichen zum Magenknurren gegeben. Wir trotteten also los dorthin, wo wir die besten Fischgerichte vermuteten: nach Barceloneta, dem Hafenviertel. In einem der vielen Restaurants der Hafenpromenade mit nahezu identischem Angebot wurden wir fündig und bekamen nicht nur hervorragenden Hauswein, sondern auch eine üppige Paella mit Meeresfrüchten sowie vorzügliche, frisch gegrillte Dorade (der Dringlichkeit der kellnerischen Empfehlung zur Folge musste die weg) kredenzt. Müde und erschöpft kehrten wir schließlich zu unserem Hotel zurück und beschlossenen den Abend mit drei bis sieben Absackern im benachbarten Pub bei Betrachtungen des englisch-amerikanischen Balzverhaltens über der Promillegrenze. Den heimlichen Sieg um die sehr junge und sehr unbekleidete Dame trug übrigens mein Begleiter davon, der sich die Lippenstiftspuren auf der Backe einhandelte, als er selbige von der Toilettentreppe auflas und wieder auf die Beine stellte.

IMG_3261Geringfügig mehr als nur geringfügig übermüdet verzichtete ich am nächsten Morgen auf den Hotelkaffee und holte meine Lebensgeister erst nach kurzem Schlendern durch den nun geöffneten Boqueriamarkt bei frischem Gebäck und Obstsaft zurück. Gestärkt und mit kräftigem Sonnenbrand (bei einem auf der Nase, beim anderen dort, wo er aus den Haaren rausgewachsen ist) ging es mit der Metro zum eigentlichen Grund unseres Besuches: La Sagrada Familia. Die lange zuvor georderten Tickets machten es möglich, die Basilika mit ihren zahlreichen Türmen und erschlagend vielen Einzelheiten in aller Ruhe zu umrunden und zu bestaunen, eine Kopfbedeckung gegen weiteren Sonnenbrand zu erstehen, einen Kaffee zu schlürfen und dann zum selbst gewählten Zeitpunkt auf das Gelände des eindrucksvollen Baus zu treten. Mit den ebenfalls vorbestellten Ticktes für die Türme wurden wir mit dem kleinen Aufzug dann nach oben gefahren und konnten – wenig beeindruckt – Barcelona von oben betrachten. Über verschlungene Treppenpfade ging es kreuz und quer durch die vorderen vier Türme der Basilika, enge – Schneckenhäusern ähnelnde – Stufen hinauf und hinunter, kurze Aussichtsplattformen hinaus und irgendwann wieder zurück in die große Halle mit den vielen bunten Glasfenstern und baumartigen Säulen. Anfangs folgten wir dort noch engagiert dem uns ausgehändigten Audioguide, waren aber bald nicht mehr bereit dem langatmigen und dabei wenig informativen Gesülze zu folgen und wandelten stattdessen ganz von den Eindrücken erfüllt staunend umher.

Erst nach gut zwei Stunden hatten wir genug und Hunger. Einer Empfehlung meines Reiseführers folgend machten wir uns mit der Metro wieder auf den Weg Barceloneta, wo in der wohlklingenden Straße „Carerr de la Maquinista“ unweit vom Hafen das unscheinbare und sehr schlicht gehaltene Restaurant „La Bombeta“ liegt. IMG_3332Von anderen Touristen unbehelligt bestellten wir hier eine ebenfalls vorzügliche Tapasauswahl, darunter auch die leckere Spezialität des Hauses: die „Bombas“ (große mit Fleisch gefüllte Kartoffelbälle, garniert mit aromatischer Aioli und scharfer Salsa). Satt und müde froren wir uns beim obligatorischen Strandbesuch noch schnell die Rückseite ab, der Herr erstand feinste spanische Schuhware und wir bummelten noch etwas durch das südliche gotische Viertel, suchten die schönsten Plätze und Straßen auf, ein Teil von uns kriegte sich kaum noch ein vor Begeisterung über die ordenlich abgestellten Roller und Räder und schließlich begaben wir uns noch vor Einsetzen der Dämmerung für eine ausgedehnte Siesta zurück ins Hotel.

Bei bereits florierendem Nachtleben waren wir dann wieder bereit und beschlossen den für uns noch im Dunkel der Unkenntnis liegenden Teil Barcelonas auf der fremden Seite der Rambla, das Raval, das ehemalige Rotlichtviertel, zu erschließen. Bummelnd stellten wir schnell fest, dass hier nicht jede Straßenecke sehenswert ist. Eigentlich war es überhaupt keine. Nach einem knappen Abstecher in den allseits gelobten (und nach andalusischen Verhältnissen mickrigen) Orangenhof der dortigen Bibliothek strebten wir eine weitere Empfehlung meines Reiseführers an, die nahe an der Avinguda del Parallel, konkret in der Carrer del Poetas Cabanyes gelegene Tapasbar „Quimet & Quimet“. Dort angekommen stellte sich diese an als ein kleiner mit Flaschen (aus Glas und aus Fleisch und Blut) gefüllter Raum dar, in dem die Gäste sich gegenseitig die neuesten Designerbrillen vorführten. Und es gab keine Sitzplätze, was die Lokalität für 50 % von uns bereits unbrauchbar machte. Wir trotteten die Straße also etwas entmutigt zurück und beschlossen, uns in dem gegenüber liegenden kleinen, etwas unscheinbaren Restaurant/Bar „Oliveta“ mit einem Hopfengetränk für den Rückweg zu stärken. Hier wurden wir von dem lautstarken und in rasantem katalanisch erfolgenden Kommentieren des laufenden Fußballspiels durch diverse ältere Spanier empfangen. Der liebenswürdige Wirt, der neben dem an der Bar hängenden, angeschnittenen Schinken sensationell authentisch wirkte, brachte uns umgehend ein überaus preiswertes Bier und entschuldigte sich vielmals, dass montags die Küche geschlossen sei. Er entschädigte uns mit einer ansehnlichen Auswahl an Knabbereien, während wir der spanischen Leidenschaft amüsiert folgten. Mit dem Vorsatz bei nächster Gelegenheit hier garantiert wieder herzukommen machten wir uns mit der Metro schließlich auf den Rückweg. Nach mehrfacher Einkehr unterwegs in nicht wieder zu findenden Gassen endete unser letzter Abend in Barcelona.

IMG_3316Am nächsten Vormittag ließen wir unser Gepäck im Hotel wohlbehalten weggeschlossen zurück und begaben uns einmal mehr schlendernd durch das Barrio Gótico, schlemmten an der Tapas Bar in der „Cerveceria Taller Tapas“ phänomenale Minibaguettes, begutachteten diverse Souvenirläden (der Schal des FC Barcelona wurde erst gekauft, als ein Verkäufer sich als Kenner der Eintracht Frankfurt zu erkennen gab) und genossen unsere Heißgetränke auf der Terrasse am großen Plaça Reial. Nach einer äußeren Besichtigung des Palau de la Música Catalana (auch hier ist ohne eine Vorbestellung der Tickets nichts zu machten) ging es am frühen Nachmittag schließlich erschöpft aber glücklich mit roten Nasen und ähnlichem zurück gen Heimat. Sonnenbrandprofis eben.

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Kuba Teil 2 – Havanna: Auferstanden in Ruinen

Im gleißenden Sonnenschein lagen uns die Ruinen Havannas zu Füßen. Gebannt standen wir an unserem ersten Tag in Kuba auf der Dachterrassse unseres Hotels und starrten (jedenfalls kurz) sprachlos _MG_0658auf das chaotische Schauspiel der einst sicher so prachtvollen Stadt. Von dem sich noch monumental erhebenden Hotel Nacional, den Malecón (die lange Uferpromenade) entlang, über das historische Viertel „Habana Vieja“ hinweg bis zum kanonengesicherten Fort am anderen Ende der Stadt erblickten wir bröckelnde Fassaden, verfallene Dächer, abgestürzte Balkone und Ölfässer, alles dekoriert mit farbenfroher Wäsche, zum Trockenen in der feuchten Luft bestimmt. Dazwischen ratterten die von hervorragend bis miserabel erhaltenen Oldtimer über die ramponierten Straßen und mischten ihre schwarzen Wolken mit der leicht gesalzenen Meeresluft.

Derart geblendet wandten wir uns dem Frühstück mit kubanischer Auswahl zu und konnten glücklicherweise in der dunkleren Küche vorerst nichts Genaues erkennen. Eine vom Trockentuch noch fusselige Tasse wurde von einer echten Kubanerin (also ganz ohne Eile) vor uns platziert und mit dünnem Kaffee und ebenso dünner Milch gefüllt. Nach Kennenlernen der (einzigen) beiden Käsesorten Kubas und einer Begegnung mit dem allmorgendlichen Spaghettisalat sowie der Bitte an die Dame der Rezeption, unsere Toilettenspülung wieder in Gang zu setzen, verließen wir müde, aber vor Neugier fast platzend unser Hotel.

_MG_0349Das genauso zentral gelegene wie häßliche Hotel Habana Libre wird als Umschlagplatz für touristische Anliegen aller Art gehandelt. In der Absicht ein Busticket nach Viñales am nächsten Tag zu ergattern, schlugen wir also diese Richtung ein und ließen uns durch die Straßen treiben, in der Absicht, die Stadt kennen zu lernen. An einem kleinen Kioskfenster machten wir Halt. Wasser? Kein Wasser. Rum. Über diverse Berge aus Unrat und Steinresten weiter wandernd wurden wir in einer recht ruhigen Seitenstraße bald von einem netten Paar mittleren Alters angesprochen, das nicht nur hinsichtlich Hautfarbe und Kleidungsstil, sondern auch in Ausdrucksweise und Auftreten auffallend wenig zusammen passte. „Schöne, bunte Welt!“, dachte ich mir begeistert und ließ mich auf den englisch-spanischen Smalltalk ein. Die beiden priesen enthusiastisch ihr geliebtes Kuba und das lebendige Havanna. Wir gingen gemeinsam weiter. Besonders schön und authentisch sei die belebte Geschäftsstraße hier um die Ecke. Der Mann mit Plan neben mir knurrte leise. Wirklich schöne Geschäfte gebe es da. Straßen HavannasDas Paar wurde unruhig. Der Mann mit Plan knurrte lauter. Nur ein kurzer Abstecher in die wirklich schönen Geschäfte, das sei doch wohl drin. Das Paar deutete enthusiastisch in eine schmale Seitengasse. Leichtes Kläffen neben mir. Wir ließen die eben noch so hoffnungsvollen Touristenfängerkollegen stehen und setzten unseren Weg bereits etwas entzaubert fort.

Vorbei an einer Apotheke für Einheimische – gut an den leeren Regalen zu erkennen – ging es durch ernüchternde Seitenstraßen vorbei am eindrucksvollen Universitätsgebäude, dem riesigen, kahlen Krankenhaus zurück in die touristisch erschlossenen Gebiete, wo sich vor dem Getränkeladen unterhalb des Habana Libre bunte Oldtimertaxen _MG_0336und bettelnde Kubaner vor den ein- und ausgehenden Touristen sammelten. Immerhin gab es hier Wasser. Und Rum. Dafür aber keine Bustickets. An der Rezeption erklärte man uns, dafür müssten wir zum Hauptsitz des Busunternehmens Viazul am Ende des nächsten Stadtteils fahren. Seufzend ließen wir uns von einem der motivierten Taxifahrer in ein kleines, gelbes Kugeltaxi (eine Art motorisierte Rikscha) verfrachten und brausten die Füße über dem Asphalt baumelnd durch den regen Stadtverkehr, krochen Berge hinauf und holperten sie wieder hinunter, klammerten uns in Kurven aneinander und purzelten schließlich erfrischt vor eine lange Touristenschlange vor der Viazul-Niederlassung.

Nach einer ausgiebigen Lektion in Geduld und nicht unerheblicher Änderung des Sonnenstandes waren wir schließlich an der Reihe. Die Dame am Schalter lächelte uns zu, drehte sich in kubanischer Geschwindigkeit um, verließ ihren Sitz und begab sich zum nächsten Schalter, um dort eine Unterhaltung, vermutlich über die allgegenwärtigen langen, grellbunten Fingerkrallen, zu beginnen. Nach einer weiteren merklichen Sonnenstandsänderung war die Dame am zweiten Schalter bereit, sich unser Anliegen anzuhören. Englisch? Sie nickte und verstand unsere schließlich auf spanisch vorgebrachte Absicht ein Busticket zu erwerben (es handelt sich bei Viazul übrigens um ein Busunternehmen für Touristen) im dritten Anlauf. Sie nickte und tippte durch die Fingerkrallen etwas ausgebremst auf ihre Tastatur ein. Kein Ticket für die Hinfahrt verfügbar, nur Rückfahrt. Gut, wir wollten also zumindest die Rückfahrt buchen. Längeres Tippen. Seltsame, vorwurfsvolle Laute von der Dame, die sich keiner Sprache zuordnen ließen. Die Kollegin wiederholte. Es war Englisch. Kein Bus für die Rückfahrt. Also wirklich, ein Bus vor Silvester, das kann ja nicht gehen. Vorwurfsvolles Kopfschütteln der beiden Schalterziegen.

Von der Liebenswürdigkeit der Kubaner nicht mehr ganz überzeugt beschlossen wir etwas ratlos zurück ins Zentrum Havannas zu fahren. Eine Traube von Taxifahrern, die vor der Touristenschlange bereits lauerten, stürzte auf uns zu. Die Rückfahrt sollte das doppelte der Hinfahrt kosten. Mit Kuba im Allgemeinen und Havanna im Besonderen abschließend platzte mir der Kragen. Der Taxifahrer fuhr uns dann klappernd und rumpelnd für den halben Preis zu unserem Hotel.

Unsere Toilettenspülung war nicht repariert. Stattdessen fanden wir einen neuen Eimer neben der Toilette. Nun hatte der Mann mit Plan seine Grenzen erreicht. Leicht ermüdet ließen wir uns vor unserem Hotel nieder. Kein Busticket. Taxi nach Viñales für 200 € (zum Vergleich: ein kubanischer Arzt verdient im Monat um die 25 €). Die Suche nach einer funktionierenden Toilettenspülung trieb den Mann mit Plan in das nahegelegene und ebenfalls verfallene Hotel Deauxville. Toilette im Keller, Reisebüro im ersten Stock. Das Reisebüro von Cobanacantours bestand aus zwei Küchentischen mit zwei netten Damen und einem großen, dicht beschriebenen Kalender. Bus nach Viñales? Morgen? Sí, claro! Liebenswürdig malte die Dame uns Bustickets für Hin- und Rückfahrt. Abholung direkt am Hotel. Erleichtert und mit einem jetlag-geförderten Enthusiasmus trabten wir begeistert wieder auf die Straßen Havannas. Eine letzte Chance für La Habana!

_MG_0360Wir begaben uns also zurück auf die Pfade der Reiseführer, schlenderten den vierspurig befahrenen Malecón entlang, bewunderten laut ratternde, glänzende Oldtimer schlenderten durch die blonden Gassen von Habana Vieja, labten uns an frischer Kokosnuss, verleibten uns das erste von vielen rumhaltigen Getränken des Urlaubs neben einem dampfenden Grillhähnchenstand ein, flüchteten vor der Stimme der hüftenwiegenden Sängerin und landeten schließlich erschöpft und von den Eindrücken Havannas nicht direkt positiv erfüllt auf einem Balkon am Malecón. Ein netter auf der Straße postierter Kellner hatte uns hier hoch in den Paladar (ein erst seit kurzer Zeit erlaubtes privates Restaurant) „Torresson“ geleitet, vorbei an einem alten Zigarre rauchenden Herrn in seinem Schaukelstuhl, vorbei am Wohn- und Kinderzimmer, Malecónvorbei an weiteren dicht bewohnten Räumen und dem uns ebenfalls offenstehenden Badezimmer für alle Hausbewohner. Gemütlich an einem der drei Tische platziert ließen wir die vielversprechend riechenden Teller der kreolischen Küche an uns vorbeiziehen, labten uns standesgemäß an unserem wohlverdienten Cuba Libre und stießen glücklich darauf an, Havanna am nächsten Tag wieder zu verlassen.

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Kuba Teil 1 – Soy una tortuga!

Sekt zum Jahreswechsel ist der leicht angestaubte Klassiker. Wir entschieden uns also für Mojito – in Kuba.

Während in Deutschland noch die bunten Blätter vor sich hinwelkten, begaben wir uns auf die sonnenstrahlenden Seiten der Reisemafia, öffneten hunderte von Tabs gleichzeitig, verglichen, lasen Kleingedrucktes, rechneten und fluchten. Trotz der absurd frühen Planung waren Flüge und Unterkünfte bereits weitgehend ausgebucht. Wir hatten uns die Hauptsaison für Kubareisende ausgesucht. Dramatische Bewertungen und Kommentare auf den gängigen Portalen ignorierend entschieden wir uns schließlich für ein Pauschalangebot. Mit Air Europa über Madrid nach Havanna in das zentral gelegene Hotel Lincoln. Zwei Landessterne. Was das bedeutet, sollten wir erst später erfahren.

Die weitere Planung sah mehrtägige Touren in die Orte Trindad und Viñales vor. Mietwagen? Keine Mietwagen. Drei Monate vor unserer Anreise waren aufgrund des eher begrenzten Kontingents bereits keine Mietwagen mehr zu bekommen. Diverse Foren rieten im Übrigen wegen der schlechten Straßen davon ab. Rückwirkend betrachtet würde ich auch davon abraten. Nicht das Fahren – Schlaglöchern, egal wie tief, kann man ausweichen – sondern das Stehen ist das Problem. Bei der Armut der Bevölkerung sind auch Autoreifen Wertgegenstände und könnten durchaus zügig ihren Besitzer wechseln. Nach exzessiver Recherche entschieden wir uns, bereits zu allem bereit, entweder zu trampen oder mit der einzig auffindbaren Busgesellschaft Viazul (speziell und ausschließlich für Touristen) zu reisen, sofern sich vor Ort noch Tickets finden lassen sollten.

Schwieriger war schon die Suche nach Unterkünften. Wie überall empfohlen wollten wir nicht in die selbst für europäische Geldbeutel überteuerten Hotels, sondern in die zahlreichen Privatunterkünfte mit Familienanschluss, die sogenannten „casas particulares“. Gute Vermittlungsseiten sind hier Mangelware und einzelne Empfehlungen aus den üblichen Reiseführern in der Hauptsaison auch keine Hilfe. Vielfache Anfragen endeten somit kubatypisch. Casa? No Casa. Erst über die Plattform Indicuba.com fand ich persönlichen Kontakt zu einem der engagierten Betreiber der Seite, der mit etwas Schieben der Zeiträume und regem Emailverkehr unsere Wunschziele schließlich möglich machte. Einer unserer Gastgeber bestätigte uns unsere Buchung auch gleich persönlich per Email. Auf Spanisch.

Das Richtige vorausahnend begab ich mich also wenige Wochen vor der nahenden Abreise in den Keller, stöberte verstaubte Spanischbücher auf, nieste kräftig und bestellte neue. Mithilfe von Lehrbüchern, stark verschwommener Erinnerung an lange zurückliegende Schulstunden, gängiger Lernsoftware und meiner neuen Emailfreundschaft in Kuba (ich bekam meine Texte vom „Profesor“ regelmäßig korrigiert zurück) machte ich mich daran die Sprache meines nächsten Reiselandes zu erlernen. Soy una tortuga. – Ich bin eine Schildkröte.

Mit Landkarten und nur unzureichender Stadtplanversorgung, Bademode, Akkus, kurzen Hosen und Mägen voller Weihnachtsessen fielen der Mann mit Plan und ich schließlich pünktlich am ersten Weihnachtsfeiertag aus dem Bett und in den Flughafen. Nach ausgiebigem Anstehen versprach uns die nette Dame am Schalter, unser Gepäck würde uns direkt nach Kuba folgen und nicht in Spanien bleiben. Wir vertrauten ihr widerstrebend und ließen uns von einem kleinen, schmalen Flieger Air Europa binnen zweieinhalb Stunden nach Madrid verfrachten. Besser als mein persönlicher, irischer Flugfeind jedenfalls. In nichtsahnender Voraussicht füllte sich der Mann mit Plan ein letztes Mal mit den gängigen Fastfood-Produkten, bevor unsere Füßen den europäischen Boden in einem großen, gemütlichen Flugzeug verließen.

Der Mann mit Plan richtete sich nach Abheben des Fliegers komfortabel neben mir ein, orderte Rotwein und eine (vergessene) Sonnenbrille für mich, streckte sich und meinte mit Blick auf die Uhr zufrieden: „In fünf Stunden haben wir’s geschafft.“ Was ist schon Zeitverschiebung? Knapp zwölf Stunden später erreichten wir etwas derangiert und in einem Zustand leichter geistiger Verwirrung, den wir die nächsten Wochen nicht nur aufgrund der landestypischen Getränke beibehalten sollten, den Flughafen José Martí in Havanna. Kubatypisch arbeiteten wir uns in langen Schlangen anstehend, fotografiert, dokumentiert, umhergeschickt, kontrolliert und gestempelt zur Gepäckausgabe vor. Ganz ohne Eile. Ohne Eile kam dann auch das Gepäck auf einem der geheim gehaltenen Gepäckbänder an. Erneut kontrolliert, mit blauem Zollzettel versehen, anstehend, gestempelt und ganz ohne Eile wurden wir schließlich aus der Transitzone entfernt und waren damit offiziell in Kuba eingereist.

In der kleinen, aber chaotischen Wartehalle sollte ein Mensch mit unserem Namen auf einem Schild stehen, um uns abzuholen. Wir tanzten also die Menge an sichtbaren Schildern ab. Keines mit unserem Namen dabei. Nach kurzer Ratlosigkeit postierte ich den Mann mit Plan mit einem Gesichtsausdruck ähnlich unserer Koffer neben unseren Koffern und begab mich auf die verbal-pantomimische Suche nach Hilfe. Diese fand ich in einer mit einem Schild des kubanischen Reiseveranstalters Cubanacantours versehenen Abstellkammer, wo neben einem antiquarischen Aktenschrank eine nette Dame mit verständlichem Spanisch am Küchentisch saß und strahlend ihr Telefon zückte. Kurz darauf fand ich mich mit einer Busnummer im Kopf vor dem Büro wieder und ahnte dank der Wegbeschreibung, wo ich das zugehörige Fahrzeug zu suchen hätte. Nach etwas Schlangestehen, Kontrolle meines inzwischen schon abgegriffenen Reisepasses und viel Gestikulieren waren wir bald im Besitz der kubanischen Touristenwährung, den Pesos convertible, kurz: CUC. Derart ausgestattet ließen wir uns vom feucht-warmen Klima erschlagen, fanden an dem beschriebenen Ort unseren Bustransfer zum Hotel und verfolgten nach kubanischer Wartezeit unter der Klimaanlage schlotternd unsere erste Einfahrt in das nachts nur spärlich beleuchtete Havanna.

Nach einer Fahrt durch Ruinen landeten wir vor dem Leuchtschild unseres einstmals sicher prachtvollen Hotels, stolperten den bröckelnden Gehweg entlang, kramten unsere bereits lapprigen Reisepässe zur Einsichtnahme hervor und folgten dem Portier in der zu großen Anzughose in den einzigen noch betriebenen Fahrstuhl des Hotels. Den Rest des Urlaubs nutzten wir die Treppen. Bereits bei Betreten des Flurs schlug uns feucht-warmer Gewächshausdunst entgegen, der sich in den großen Wasserflecken an den Wänden bildhaft spiegelte. In unserem Zimmer waren wir dann endgültig im Agentenfilm der 50er Jahre angekommen. Das kalte Deckenlicht beleuchtete spärlich unsere glänzenden Gesichter inmitten der kahlen, hohen Wände und den groben Vorhängen, die das nicht ganz schließende Fenster mit den lückenhaften Holzläden verdeckte, hinter denen sich die kuriose Geräuschkulisse aus ratternden Automotoren, Tierstimmen und Salsarhythmen erhob. Nachdem wir bei versagender Toilettenspülung schließlich auch die Bekanntschaft von Gertrude gemacht hatten, einer jungen Kakerlake, die uns aus dem Loch neben der Waschbeckenarmatur gelegentlich freundlich zuwinkte, war es an uns, die Sonnenbrillen aufzusetzen und abenteuerlustig auf den nächsten Tag zu warten.

Der Tag kam. Glieder und Geist schwer von der Zeitumstellung wankten wir zum Frühstück auf der Dachterrasse im 9. Stock. Ein atemberaubender Ausblick über das in Ruinen liegende La Habana im morgendlichen Sonnenschein bot sich uns. Das Abenteuer hatte begonnen.

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Nur einmal im Jahr – Wandern auf Mallorca

Das gelobte Land des stilvollen Eimertrinkens, der modebewussten Socken in Sandalen und eloquenten Ausdrucksweisen – Mallorca – hat mich nie gereizt. Bier im Sandkasten geht auch daheim. Daher stürzte ich in eine kurzfristige Sinnkrise, als der Mann mit Plan nebst planvollem Vater anfragte, ob wir, die holde Weiblichkeit, nicht über’s Wochenende den männlichen Wanderurlaub auf besagter Insel erhellen wollten. Wir wollten.

Frisch und ausgeschlafen stolperte ich also um vier Uhr morgens aus dem Taxi in die riesige Flughafenhalle und prallte fast gegen die motiviert mit Wanderstöcken gestikulierende Dame am ersten Check-Inn-Schalter direkt neben der Tür. Der Mann mit Plan hatte Wanderstöcke empfohlen. Wanderstöcke dürfen nicht mit in die Flugzeugkabine. Dem stockbegleiteten Ausdruckstanz folgend, ahnte ich die Gründe. Ohne Stöcke, aber mit ansehnlichem Handgepäck machten wir uns schließlich auf den hinteren Sitzreihen des nicht ganz ausgebuchten Fliegers breit, wo ich gekonnt und zur fotografischen Freude meiner Mitreisenden zufrieden den Sonnenaufgang verschlief.

Port de SóllerNach Landung, Abholung der Stöcke und einer leicht desorientierten Taxifahrt erreichten wir früh an einem sonnigen Morgen das ruhige Port de Sóller im Nordwesten der Insel, wo wir mit fertigem Frühstückstisch und verschlafenem Gesicht in Empfang genommen wurden. Gesättigt und bereits von dem Ausblick auf den Hafen direkt vor unserem Balkon begeistert ging es schließlich in luftiger Bekleidung vor die Tür und Richtung Nordlicht (der Mann mit Plan hatte sangriabedingt am Vorabend dem örtlichen Leuchtturm eine astronomische Bedeutung zugesprochen). Finca Son MarinoVorbei an Palmen und Segelbooten stieg der Weg langsam an und zeigte einen schönen Blick über die Hafenbucht und den dahinterliegenden Ort, während sich etwas weiter nördlich die Berge als graue Schatten erhoben. In warmer Novembersonne wanderten wir bald durch endlose Olivenplantagen („Probier mal, frische Olive ist eklig.“, „Zeig her! Igitt!“) und kehrten schließlich auf der westlich von Sóller gelegenen Finca Son Mico ein. Auf der sonnigen Terrasse des liebenswert rustikal dekorierten, ehemaligen Gutshauses genossen wir die Aussicht, eine vorzügliche, selbstgemachte Quiche und den obligatorischen mallorquinischen Rotwein.

Cala de DeiaIn gehobener Stimmung ging es weiter, zurück in die Olivenplantagen. Der Mann mit Plan senior wies den Weg, schüttelte den Kopf, kehrte um, kam zurück, schritt voran, suchte Kapelle und Treppen, ließ sich von einem Stück auf der Landstraße überzeugen und führte uns erfolgreich auf den wunderschönen Küstenpfad in Richtung der Cala de Deia, wo er eine Wolkenformation für Ibiza erklärte. Der Nordlichtfachmann äußerte Mißtrauen. Über steinige Trampelpfade ging es durch den küstennahen Kiefernwald mit atemberaubenden Aussichten weiter, bis wir schließlich – nicht ohne kleinere Umwege – mit der bereits untergehenden Sonne die Cala de Deia, eine hübsche Bucht unterhalb des gleichnamigen Ortes, erreichten. DeiaNach kurzer Erfrischung an dem aus großen Steinen bestehenden Strand und dem dort glasklaren Wasser trieb es den sangriadurstigen Mann mit Plan junior unter Hinweis auf die saisonbedingt geschlossene Strandbar weiter. Wir stapften also vorbei an weitreichenden, leergefegten Strandparkplätzen, durch vertraute Olivenhaine und vorbei an Orangengärten, bis wir das malerische, aber wie ausgestorben daliegende Deia erreichten. Einige Kartenbetrachtungspausen und Katzenstreicheleinheiten später erreichten wir in der golden schimmernden Abenddämmerung die gastronomische Rettung und labten uns an der verdient fruchtigen Sangria nebst Tapasverkostung.

Nach erstaunlich langer Taxifahrt („Sind wir das tatsächlich alles gelaufen?“) und dringend erforderlicher, ausgiebiger Dusche fand der Tag in Port de Sóller mit vorzüglich gegrillter Dorade im Restaurant Kingfisher mit Blick auf den Hafen und fröhlich großzügig eingeschenkten Absackern in der nahegelegenen Hotelbar einen würdigen Abschluss.

Nach ausgiebigem Frühstück aus frischem Obstsalat und Serranoschinken, Bachblütenverarztung unter vorsorglicher Kortisonergänzung und viel Kaffee wurden die binnen eines Tages erstaunlich weit verteilten Habseligkeiten ohne größere Hast zusammengepackt und nach kurzem Warten auf den unter leichtem morgendlichen Koordinationsmangel leidenden Mann mit Plan junior in perfekter Tetrismanier in das nun äußerst kuschelige Auto geladen. Mit einem letzten Blick auf den liebenswerten Hafen fuhren wir in die Berglandschaft Mallorcas, genossen den Blick auf Gipfel und Meer, erreichten nach einer guten Stunde das wunderschöne Bergdorf Selva und fanden auch nach kurzer Suche unser im alten Ortskern neben der Kirche gelegenes Hotel Sa Bisbal. Liebenswert wurden wir von dem Inhaber in Empfang genommen und durch das umgebaute Herrenhaus aus dem 17. Jahrhundert mit seiner ganz eigenen Raumaufteilung, dem riesigen Kronleuchter im klösterlich kahlen Treppenhaus, einem allerliebsten Garten vor einem kleinen Pool und den absolut sehenswerten Zimmern geführt.Hotel Sa Bisbal Nach ausgiebiger Begeisterung über das riesige Zimmer mit offenem Bad – eindeutig nur für verliebte Paare oder sehr, sehr gute Freunde zu empfehlen – und noch ausgiebigerem Genießen der Aussicht auf Kirche, Altstadtdächer, Palmen und Berge von dem über eine winzige Treppe zu erreichenden Balkon waren wir schließlich wieder wanderbereit.

Mit Wanderschuhen an den Füßen und Badesachen im Rucksack ging es motorisiert zum Startpunkt der ausgesuchten Wanderroute ganz im Norden der Insel. Nahe der Alberque de la Victoria am nordöstlichen Rand von Alcúdía stellten wir das Auto ab, man drückte mir wohl im Hinblick auf leichte Wegführungsbemerkungen am Vortag den Wanderführer in die Hand und der Mann mit Plan junior belud seinen Rucksack mit den mittels Einsatz herausragender spanischer Sprachkenntnisse eingekauften „Wasserflaschen“. Der Norden MallorcasMit einem sagenhaften Ausblick auf die nördlichen Inselspitzen ging es über den riesigen, gesperrten Wanderparkplatz hinein in den Wald, vorbei an den vielgepriesenen drei Kreuzen mit Aussicht und mit Ziegenduft in der Nase weiter bergauf, bis wir den eigentlichen Beginn der Tour in Form eines steilen Trampelpfades mit sehr naturbelassenem Geländer erreichten. Durch schulterhohe Gräser und Büsche, über kleinere und größere Felsformationen und entlang traumhaftester Kletterhänge folgten wir dem Weg, immer wieder auf das weite Meer mit strahlender Sonne blickend, an dessen Horizont heute weder Nordlichter noch Ibiza ausgemacht werden konnten.

Viele Ausblick-Pausen später erreichten wir die vermeintliche Schwierigkeit der Tour, einige in den Fels geschlagene Stufen an der sonst steilen Klippe, gesichert durch ein Halteseil. Unbeeindruckt, aber die nassen Steine dennoch vorsichtig betretend, stiegen wir die wenigen Stufen hinauf, kletterten durch eine kleine Felsöffnung und fanden uns kurz darauf zwischen alten, verwitterten Befestigungsanlagen wieder, die heute nur noch zur Erleichterung von naturscheuen Wanderern dienen.Von hier aus führte der Weg über ein langes Felsenmeer direkt zum Gipfel des Berges. Gipel im Norden MallorcasZu zweit machten der Mann mit Plan junior und ich uns an den Aufstieg und rutschten fluchend und kletternd über die nass-schlammigen Steine nach oben, wobei wir mit konditionaler Höchstleistung eine größere Gruppe von Spaniern überholten und so tatsächlich hörbar schnaufend gute zwanzig Minuten später im strahlenden Sonnenschein vom dem nördlichsten Gipfel der Insel auf die Weiten des Meeres schauen konnten. Zufrieden und verschwitzt verschwendete ich meine Wasserflasche nicht nur zum Trinken. Der Mann mit Plan hatte ja noch zwei weitere Flaschen. Das Gesicht beim sprudelnden Öffnen und ersten Probieren der farblosen Zitronenlimonade war das klebrige Getränk beim späteren Abstieg dann durchaus wert. In einer ausdauernden Rutschpartie ging es wieder bergab und in ebenso ausdauerndem Trab die bereits bekannten Dschungelpfade entlang, bis wir schließlich kurz vor unserem Ausgangspunkt wieder auf den Mann mit Plan senior und Die-mit-den-Stöcken-tanzt trafen.

Da der perfekte Wochenendausflug bekanntermaßen aus Bergen und Meer besteht, fehlte uns zum absoluten Glück nun eigentlich nur noch eins – der Strand. Nahe Alcúdía wurden wir fast zielsicher fündig. Der weite Strand mit seinem im Sommer sicher feinen und hellen Sand war wie ausgestorben und der Sand festgewalzt. Mit den dicken Wanderschuhen in der Hand über einige Algenberge kletternd fühlte sich das Wasser aber dann so traumhaft an, wie es nur erfrischend kühles Wasser auf vom sonnigen Wandern erhitzter Haut kann. Nach einigen glücklich machenden Schwimmzügen trotteten wir zufrieden zurück zum Auto und genossen warm eingepackt in der ruhigen Altstadt von Selva in der nun rasch abgekühlten Abendluft unseren verdienten Aperitif.

Mit heißem Bad, Laternenumzug vor dem schnuckeligen Balkon, vorzüglicher Paella (Krebs ist wie Weißwurst – man zuzzelt!) nebst magenschließender Crema Catalana und einem fast romantischen Gin Tonic vor der örtlichen Kathedrale fand ein perfekter Wochenendausflug seinen Abschied.

Noch bevor wir es uns versahen hatten Die-mit-den-Stöcken-tanzt und ich am nächsten Morgen die planvolle Männlichkeit zurücklassend den Flughafen von Palma wieder erreicht und fanden uns plötzlich wie aus einem Traum erwacht auf einem deutschen Flughafen wieder, wo einige Wandertage und den obligatorischen Ballermannbesuch später die planvollen Männer mit bedenklichem Liedgut versehen ebenfalls wieder eintrafen. Schön, aber dann doch zum Glück: Malle ist nur einmal im Jahr.

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Herbstfreuden auf vier Hufen – Reiterhof Hirschberg in Großalmerode

Von der Sehnsucht nach Fellnasen getrieben und erfüllt von einem wundervollen Reitwochenende im Frühjahr spielte ich mit dem Gedanken, die Wälder um Großalmerode und dem seit meiner Kindheit heißgeliebten Reiterhof Hirschberg auch einmal in ihrer Herbstpracht zu bewundern.

Die Frage eines Freundes „Du, ist das eigentlich auch was für Kinder?“ gab dann den Ausschlag. Mitsamt dem Fragenden, dem hoffnungsvollen doppelten Nachwuchs, dem Mann mit Plan und dem seit dem Frühjahr frischgebackenen Reitprofi (er erkannte sogar auf Anhieb, wo vorne war!), ging es also wieder einmal Richtung Kassel. Gut vorbereitet (Fahrradhelme, Wanderstiefel und Möhren) ging es an einem schönen Freitag im Oktober nach planvollem Chaos später als geplant, aber immer noch frühzeitig auf die Autobahn und – in den Stau. Nach einigen Stunden ausgiebigen Fluchens erreichten wir gerade noch pünktlich zum Anmelden, Auspacken und Umziehen den Reiterhof, wo wir unsere liebenswert in einem Fachwerkhäuschen untergebrachte Ferienwohnung rasch wieder für den wesentlichen Teil des Wochenendes verließen – die Vierbeiner.

IMG_2762HerbstwaldNach kurzerm Kennenlernkaffee und ebenso kurzer Einführungsrede waren rasch die Reitmöglichkeiten gewählt und die Pferde zugeteilt. Der Mann mit Plan und der Mann mit Nachwuchs begaben sich zu den Pferden „an der Leine“ und drehten bald stolz und erhabenen Hauptes mit nur ganz leicht die Zügel umkrampfenden Fäusten ihre Runden, der frische Reitprofi trabte souverän hopsend durch den Reitunterricht, während ich mit der herumblödelnden, aber motivierten Haflingerstute Lotta durch die bunten Herbstwälder in strahlender Oktobersonne galoppieren durfte. Mit aufgestellten Ohren und Affenzahn ging es die weiten Waldwege entlang, gemütlich trottend über steinige Pfade und genießend über noch saftig grüne Wiesen, bis wir schließlich wieder den geschäftigen Hof voll zufrieden ihr verdientes Futter kauenden Pferden erreichten.

Nach einer dringend nötigen Dusche und leicht o-beinig („Also ich merke da nix von!“, sagte der Mann mit Plan nach dem zwanzigminütigen Einführungsritt gönnerhaft) ging es zu dem gewohnt schmackhaften und reichhaltigen Abendessen im „Rittersaal“, wo die großen Erlebnisse des Tages (Pferd geht, Pferd geht nicht, Pferd äppelt) getauscht, zukünftiger Beistand zugesagt und ganz dezent dem Wein zugesprochen wurde. Wohlig müde fielen wir nach einem Gang über den großen und nächtlich ruhigen Hof, auf dem nur noch ab und an ein herzhaftes Schnauben zu hören war, gar nicht spät in die gemütlichen Betten.

WiesenrittGerade rechtzeitig zum Frühstück fiel ich am nächsten Tag verschlafen aus meiner Schlafstätte, schlüpfte in die nach Pferd riechende Hose und die ebenso duftenden Stiefel und begab mich zu dem dringend erforderlichen Kaffee und dem reichhaltigen Morgenbuffet. Wieder wurde verteilt, Nachwuchs und Männerfrischlinge an „die Leine“, der frischgebackene Profi in den Unterricht und ich in die Wälder. Nach einem ausgiebigen Ausritt durch die sonnige Landschaft war es auch schon Zeit für das ebenfalls wieder vorzügliche Mittagessen und die nächste Runde. Gemeinsam mit dem Reitprofi sammelte ich unsere Pferde von den Koppeln, half das Tier vom Pfötchengeben und Trensen zu überzeugen und begab mich auf einen gemütlichen langsamen Ausritt, der genug Zeit gab, die wundervolle Landschaft zu genießen, während der Reitprofi leise vor sich hinfluchend damit beschäftigt war, nicht auf den saftigen und schmackhaften Wiesen stehend zu grasen.

ErntedankmahlZurück auf dem Hof ging es nach Fütterung er Vierbeiner und ausgiebiger Körperreinigung zum für den Abend angesagten Erntedankmahl. Aus dampfenden Töpfen erwarteten uns da bei romantischem Kerzenlicht allerlei Köstlichkeiten. Von sättigenden Maronen über Salate und diverse Gemüsesorten bis hin zu den selbstgemachten Bratwürsten aus der eigenen Rinderherde blieb kein regionalbewusster Magen leer. Glücklich angefüllt mit fester Nahrung und ausreichend Federweißem widmeten wir uns dem gemütlichen Teil des Abend und lauschten bei dem ein oder anderen (und auch einem weiteren) Wein der Gitarre des allsamstäglich die Gäste unterhaltenden Freddy, der neben diversen Lagerfeuerklassikern auch ein breites Repertoire der Reiterhof-eigenen Lieder meiner Kindheit zum besten gab. Lautstark gröhlend von Gästen und den jungen Betreuerinnen unterstützt.

Langsamer AusrittEin weiterer Traumtag folgte mit einem (theoretisch – das Tier war anderer Meinung) fetzigen Ritt am Morgen und einem wiederum vorzüglichen Mittagessen. Und schon ging es zum letzten Ritt des Wochenendes. Der Mann mit Plan hatte vormittags bereits zufrieden trottend den ersten freien Reitunterricht absolviert und war nun bereit für den ersten langsamen Ausritt. Gemeinsam ging es also daran, die Pferde von der Koppel zu holen. Freundlich stellte sich der Mann mit Plan also in den knöcheltiefen Schlamm neben sein Pferd und hielt ihm auffordernd das Halfter hoch. Das Tier entschied mit einem Ohrzucken, dass das Heu vor der Nase einen deutlich höheren Unterhaltungswert bot und ignorierte den Mann mit Plan. Schließlich saßen wir aber einige Zeit später doch alle zusammen hoch zu Roß – der Mann mit Plan, der Profi und ich – und konnten gemütlich trottend zu unserem Spazierritt den Hof verlassen.

Mit wundem Hintern, O-Beinen und durchgefroren kehrten wir weitgehend glücklich zurück und waren bald auch frisch gewaschen bereit zur viel zu schnell gekommenen Heimreise. Nachdem auch das letzte Kind aus dem Ziegengehege gefischt war ging es dann wirklich los und wir ließen eine wundervolle Herbstlandschaft hinter uns. Nur den Pferdeduft, den nahmen wir mit.

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Wild, young and free in Tossa de Mar

Einmal Norden, einmal Süden – das ist der grobe jährliche Urlaubsplan. Nachdem dem Norden mit irischem Regensturm Genüge getan war, war nun also noch der Süden an der Reihe.

Müde vom alltäglichen Chaos und dem geliebten Freizeitstress freute ich mich also auf eine ungewöhnlich ruhige Septemberwoche am Strand von Tossa der Mar an der Costa Brava, wohin mich meine liebsten Urlaubsprofis eingeladen hatten.

Besagte Urlaubsprofis waren bereits einige Tage vor mir ganz nach dem Motto „Der Weg ist das Ziel“ in einer 20-stündigen Busfahrt nach Spanien gereist und schickten bereits Erholung verheißende Teaserfotos, als ich zu nachtschlafender Zeit aus dem Bett auf die gepackte Reisetasche fiel und mich entgegen aller Vorsätze wieder einmal auf den Weg zu dem entlegenen Abflughafen der mir verhassten, teuren, irischen Billigfluglinie machte. Den Weg dorthin, ebenso wie die Wartezeit am Flughafen und den Flug an sich verschlief ich glücklicherweise, sodass ich mich putzmunter über die garantiert nie wieder gebuchte spanische Autovermietung Goldcars ärgern konnte. Allen Widrigkeiten zum Trotz war ich bald glücklich auf dem Weg von Girona nach Tossa, kurvte frohgemut durch die Serpentinen des Hügelkamms kurz vor der Küste, verfuhr mich in den kleinen Straßen von Tossa und fand glücklich mein Ziel mit Meerblick dank einer auf der Straße vor mir plötzlich auf und ab hopsenden Cocktailliebhaberin.

Wir nahmen eine kurze Besichtigung der schnuckeligen Wohnung vor und stärkten uns mit feinstem Serrano-Schinken auf dem Balkon mit Meerblick bei eingehender Studie der von mir zur Unterhaltung erstandenen Teeniezeitschrift. Zu meiner Zeit gab es da noch Aufklappposter von debilen Jünglingen mit retouschierten Pickeln aus dem Musikbusiness, heute war nur noch ein Poster mit der tiefgründigen Erinnerung „We are young, wild and free“ enthalten. Unser Motto. Das Poster zierte fortan das Wohnzimmer. Informiert über die neusten Trendhaargummis trabten wir also wie anständige deutsche Urlauber in Spanien zum nicht mehr ganz leeren Strand, quartierten uns zwischen Strandschönheiten und Familienzirkus in der ersten Reihe am Meer ein und sonnten uns. Nach etwa zehn Minuten exzessivem Sonnen beschlossen wir, einmal um die etwas entfernt liegende Insel zu schwimmen und setzten eine gute halbe Stunde später erschöpft das exzessive Sonnen fort, bis wir weitere zehn Minuten später auf der Suche nach landestypischer Verpflegung die Strandbar für zwei Karaffen Sangria erreichten.

Erschöpft von dem wirklich außerordentlich exzessiven Sonnenbad strich unser männlicher Teilnehmer die Segel und übließ die Königin der Strandbar und mich einem Stadtbummel durch die souveniergeladenen Straßen hinter den Hotelanlagen. Dem touristischen Anschein zum Trotz wirkten die kleinen Gassen liebenswert spanisch und offenbarten uns – nach enthusiastischem Kauf diversen Schnickschnacks – auch unsere erste Liebe des Urlaubs: die Schinkenbar. Mit neuen Strohhüten, Trendhaargummis (!) und erster Sonnenbräune nahmen wir begeistert für eine Nachmittagssangria auf den kleinen Strohhockern unter den hoch hängenden Serranoschinken Platz und genossen faulenzend spanisches Lebensgefühl.

Derart gestärkt endete unser Stadtbummel kurze Zeit später nicht weit entfernt in der malerisch gelegenen Piratenbar. Auf einer kleinen Terrasse sitzend hatten wir die mittelalterlichen Burgmauern Tossas ebenso im Blick wie das Meer, die verschiedensten Touristenarten sowie den Bart tragenden Piratenkellner. Angereichert mit Sangria und sandigem, undeffinierbarem Meeresfrüchte-Snack fand uns unser verschlafener Surferanwalt schließlich vor, verpackte uns den inzwischen kühlen Temperaturen angemessen und wandelte mit uns singend und lachend durch die hübsch beleuchteten, mittelalterlich anmutenden Gassen von Tossa. Ein Tapaslokal später – selbstverständlich mit Serrano-Schinken – strandeten wir schließlich in der Tahitibar, deren Namen unter Alkoholeinfluss ausgesprochen weniger Seriöses erwarten lässt, als wir dann entdeckten. Mit Salz auf der Haut und Strohhut auf dem Kopf beschlossen wir den Abend bei phänomenalster Gitarrenmusik und waren geneigt dem mitreißenden Gitarristen in jede Revolution der Welt zu folgen – young, wild and free.

Den leichten geistigen Nebel am Morgen verscheuchten wir erfolgreich mit einem ausgiebigen Serrano-Frühstück auf dem Balkon und beschlossen, den wundervollen Sonnenschein für eine Fahrt zur nächsten Bucht zu nutzen. Motiviert wurde der RX 4000 aufgeblasen. Der RX 4000 sucht seinesgleichen unter den Schlauchbooten und so war zweifelhaft, ob er uns drei würde beherbergen können. Ich erstand also mit Spanischkenntnissen, die dem Verkäufer die Lachtränen in die Augen trieben, den liebevoll „Tossi“ getauften aufblasbaren Hund, der uns kurze Zeit später zur Hauptattraktion des vollen Strandes machte. Hoheitsvoll auf dem wackeligen Tossi reitend ließ ich mich von dem RX 4000, in dem unser Surferanwalt an den Rudern schwitzte, von dannen ziehen, während aus dem Zuggefährt lediglich ein Strohhut und die königlichen Füße herausragten.

Cala BonaDer Physik Rechnung tragend erleichterten wir unser Fortkommen dann doch zu dritt auf dem Boot kuschelnd, zogen den fröhlichen Tossi hinter uns her und genossen die Wellen und die hellbraunen Klippen der Küste. Wir erreichten geraume Zeit und einen erschöpften Surferanwalt später die wunderhübsche Bucht Cala Bona, fuhren immer noch hoheitsvoll an dem ankernden Segelboot und den kleinen Sportbooten vorbei und fielen glücklich in das seichte Wasser. Auf der einzig am Rande der Bucht liegenden Terrasse genossen wir die hauptsächlich wegen ihrer Örtlichkeit hervorragende Paella genauso wie den malerischen Ausblick und gaben uns der wiederkehrenden Erschöpfung des vorherigen Abends hin. Entschlossen, dem Urlaubsmotto gerecht zu werden, setzte ich mich nach ausgiebiger Siesta an die Ruder, erhielt zur Freude unseres Pascha-Anwalts begeisterte Zurufe von den Motorbooten und verlor mich in guter Seefahrermanier in der Weite des wogenden Meeres. Gut, die Küste war direkt auf der anderen Seite – alles eine Frage des Blickwinkels. Nach einer gefühlten Ewigkeit, Taubheit in den nassen Fingern und in der Vorahnung eines legendären Muskelkaters hielt ich siegreich Einzug in den heimischen Hafen.

Der Erschöpfung folgend trotteten wir am Abend die klassische Strandpromenade entlang zur der gegenüberliegenden melancholisch angestrahlten Burg, die vor Tossas Strand aus dem Meer ragt. Die Burgmauern enlangstreifend, einen Blick auf das schwarze Meer werfend und den Ausblick über die Stadt bewundernd machten wir uns auf die Suche nach einer Lokalität für das Abendessen. Eine Mauer weiter, ein Stückchen die Gasse hinunter Tapas in Tossaund vor uns lag der Traum einer liebenswerten, spanischen Tapasbar mitten in der Altstadt. Leicht am Hang, jeder kleine Tisch etwas höher als der vorherige mit vielen kleinen Lichtern beleuchtet bediente ein nettes Ehepaar, das uns auf die Liste der wartenden Gäste setzte, eine Karaffe Sangria und drei Gläser in die Hand drückte und uns der malerischen Gasse und angrenzenden kleinen Mauer überließ. Viele authentische, hervorragende Tapas (von der alten Köchin selbst im breitesten Katalanisch serviert) später beschlossen wir einen perfekten Urlaubstag mit einem letzten Glas Rotwein auf unserem Balkon mit Blick auf die kleinen Lichter im schwarzen Meer.

Ganz nach dem Motto des Urlaubs ging unser jung gebliebener Surferanwalt am nächsten Morgen daran, seinem Namen gerecht zu werden und kramte das Surfbrett samt Segel aus den späten 90ern hervor. Unter vollem Körpereinsatz wurde das Brett über die Balkonbrüstung abgelassen, umstehende Autos wurden verschont und es kam allgemein nur zu kleineren Prellungen. Motiviert ging es unter dem Surfbrett ächzend und stöhnend wieder zur Unterhaltung der Strandurlauber. Nach einigem Prusten und Planschen hatte ich unter ambitionierter Anleitung bald das Segel in der Hand und das Surfbrett machte, was es sollte. Es bewegte sich. Es bewegte sich – voller Faszination verlor ich also angemessen das Gleichgewicht, ging unter, tauchte nach oben, rummste gegen das Surfbrett, unternahm einen neuen Versuch und rettete mich auf das harte Brett. Leicht benommen, aber umso begeisterter ließen mich die nächsten Versuche erfolgreicher auf dem Wasser gleiten. Schließlich erschöpft wurde ich mit dem RX4000 aufgesammelt und heldenhaft sicher an Land geleitet. Mit brennenden Armen, einer gehörigen Beule und ausreichend Schrammen ließ sich der Tossa am Abendweitere Tag entspannt in der Sonne mit Blick auf einen durch die Wellen spurtenden Surferanwalt genießen, der kaum wahrnehmbar humpelnd viel später an den Strand zurückkehrte. Den perfekten Abschluß bildete die liebenswerte Tapasbar vom Vorabend mit einem Gang entlang der Burgmauern und Lichterherzen am Strand.

KorkeicheVon den Strandtagen erschöpft schleppten wir uns am nächsten Vormittag die steile Straße hinauf zu meinem Parkplatz und fielen in das riesige Kombinationsfahrzeug (Mietwagen-Upgrades in Spanien sind eine Strafe!), das sich dann mühsam aus den engen Straßen Tossas hinaus manövrieren ließ. Nach einer Stärkung mit frisch belegten Salamibaguettes vor dem örtlichen Baumarkt mit Tante-Emma-Charme ging es schließlich wieder über die Tossas Hügelkette und gen Norden. Nach der Besichtigung des grauenhaft kalten Llagosteras, eines auffallend unspektakulären Hünengrabes und liebevoller Begegnung mit einem Wald geschälter Korkeichen erreichten wir schließlich auf diskussionswerten Umwegen die Cala Aigua-Xelida in Tamariu, eine kleine, hübsche Bucht mit Kiesstrand, die zwar leider etwas überfüllt war, aber dafür glasklares Wasser voller Leben und – wie sich herausstellte – scharfkantige Felsen zu bieten hatte. Ganz dem Urlaubsmotto getreu hielten wir alle einen dringend erforderlichen Cala Aigua-XelidaErholungsschlaf, bevor wir die steilen Stufen der Bucht wieder nach oben stiegen und uns auf den Rückweg machten. Ein ausgiebiger Bummel über den weiten, weißen Sandstrand von Palamós und die hübschen Boutiquen in den engen Sträßchen vertrieb die Müdigkeit und bildete zusammen mit dem Besuch bei dem enthusiastisch winkenden, in Tossa benachbarten Italiener einen würdigen Urlaubstagabschluss.

Nach ausgiebigem Frühstück – richtig, Serrano – waren wir am nächsten Tag wieder strandbereit und zogen, dieses Mal mit Schnorcheln und Flossen bewaffnet, zum Wasser. Nach einigen etwas ungräziösen Trockenversuchen mit froschartiger Eleganz waren wir schließlich im Wasser. Zwischen den vielen rauhen Felsen um die kleine vorgelagerte Insel bot sich eine traumhafte Vielfalt an Meeresbewohnern, die teils in Schwärmen, teils als Pärchen in dem wogenden Wasser unterwegs waren und sich von mir nicht im Mindesten beeindrucken ließen. Eine eiskalte Ewigkeit später und nach ausdauernder Verfolgung einer bunt pulsierenden Qualle war ich äußerlich wie innerlich in genug Salzwasser eingelegt, um selbst in der Sonne lange haltbar zu bleiben Insel vor Tossaund kehrte erfüllt von der wundervollen Unterwasserwelt an den Strand zurück. Den Rest des Tages mit Schnorcheln, Aufwärmen, Lesen und einem königlichen Strandpiknik verbringend ging es abends wieder zu unser bereits liebgewonnen Piratenbar und einem anishaltigen Abschluss in die Serrano-Bar, was die Strandbarkönigin und mich auf dem Rückweg mehrmals dazu veranlasste, das nächtliche Meer in unserer ganz natürlichen Schönheit zu begrüßen.

Der nächste Morgen begrüßte uns stattdessen mit einer grauen Wolkendecke. Energisch marschierten die Königin der Strandbar und ich dennoch an den erfreulich leeren Strand. Pünktlich bei erster Strandberührung setzte der Regen ein. Eine Weile saßen wir frierend und etwas ratlos unter einem nur spärlich Schutz bietenden Baum im Sand und sahen den Booten vor der Küste zu. Bootfahren! Wir stiefelten also kurzentschlossen zur vielgepriesenen Touristenattraktion Tossas – den Glasbodenbooten, platzierten uns um eines der Bodenfenster und ließen uns mit bedauerlicherweise sehr körperkontaktfreudigen Mittouristen die Küste entlang schaukeln. Wir bewunderten die unter uns vorbeiziehenden Felsen, das Wasser und die in den vermeintlichen Höhleneinfahrten gefütterten Fische. Immer noch in Strandkleidung und angemessen durchgefroren, aber mit uns völlig zufrieden, belohnten wir uns mit einer großen, heißen Schokolade, trotteten noch etwas durch die nassen Gassen mit den ebenso nassen Souveniershops und vertrödelten den restlichen Tag bei Wein, Serrano und einem guten Buch.

Tossas Strand bei NachtDer Abend begann mit Betrachtungen des Fackelmarsches der Einwohner entlang der Burgwege zum Strand anlässlich des katalnischen Nationalfeiertags. Unabhängigkeit ist ein mit spanischem Nachdruck verfolgtes Ziel, das die Katalanen nicht nur mit stetiger Beflaggung ihrer Häuser und der gesonderten Sprachabteilung auf ihren Speisekarten (katalanisch – spanisch – englich – deutsch) sondern auch mit einem eigenen Feiertag verfolgen. Von den fackelbegleiteten Kungebungen etwas verstört trösteten wir uns mit einer reichhaltigen Paella, welche uns veranlasste, uns mittels moderner Technik ausgiebig über die Fauna des spanischen Nationalgerichts zu informieren (Garnelen, Shrimps, Langusten – wir hatten jedenfalls ausgiebiger Recherche zur Folge unter anderem Kaisergranate auf dem Teller). Zurück am Strand fanden sich vor der riesigen Bühne mit der beleuchteten Burg im Hintergrund nur noch vereinzelte Urlaubergrüppchen. Des fehlenden Publikums ungeachtet hopsten auf der Bühne die Unterhalter motiviert weiter auf und ab und gaben leidenschaftlich spanische (oder vermutlich auch katalanische) Seemannsweisen zum Besten, die uns noch lange auf dem Heimweg begleiteten.

Mein letzter Urlaubstag brachte wieder strahlenden Sonnenschein, ließ mich zufrieden am Strand faulenzend mein Buch beenden, einem gemütlichen Stadtbummel fröhnen und ein letztes Mal die phänomenalen Tapas der schnuckeligen Bar in der Altstadt genießen. Nach einer kurzen Nacht, fluchender Autorückgabe, unbequemem Flug, Bus- und Bahnfahrt war ich am nächsten Mittag schon wieder daheim angekommen. Trotz völliger Erschöpfung nach meinem Erholungsurlaub war ein bißchen vom spanischen Lebensgefühl und unserem Motto geblieben. Young, wild and free kehrten einen Tag später auch meine Urlaubsprofis nach ausgiebiger Busfahrt wieder in den Heimathafen ein. Serrano im Gepäck.

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Irlands Westküste Teil 3 – Galway und Connemara

Vom Anblick der eindrucksvollen Landschaften um Doolin und den Begegnungen mit der liebenswert unterhaltsamen Bevölkerung erfüllt ging es nach erneut üppigem Frühstück bei grandiosem Meerblick weiter nach Norden. Das bunt schillernd als zweites Dublin beschriebene Galway sollte es sein.

Von den Erlebnissen des Vortages und einer kräftigen Erkältung etwas erschöpft und müde steuerte ich mit dem verdächtig ruhigen Mann mit Plan neben mir unser geräuschvoll kreatives Gefährt gen Norden. Links Meer, rechts Schafe. Ein kurzer Stop an einer verlassenen, etwas heruntergekommen Tankstelle mit einer einzelnen Zapfsäule und einer yogalehrenden Toilettenkonstruktion ließ wieder diese Vorstellung einer europäischen Route 66 aufkommen. In unfassbarer Lässigkeit auf einem Gatterzaun neben der Tankstelle sitzend fehlten uns zum Easy Rider eigentlich nur noch die Lederjacken. Dann erreichten wir die Autobahn.

Die bisher selbst auf den typischen Touristenstrecken schon fast als leer zu bezeichnenden Straßen standen im krassen Gegensatz zu dem, was uns bereits vor Erreichen von Galways Stadtgrenzen erwartete. Blechmassen schoben sich die hierfür ganz offensichtlich nicht gedachten Verkehrswege entlang. Ampelanlagen waren von dem Auftauchen von mehr als einem Auto pro Minute völlig aus dem Häuschen und blinkten freudig. An andere Verkehrsteilnehmer nicht gewöhnte Iren blockierten Straßen und Menschen ohne Ortskenntnisse und ohne (!) Plan wie wir, steckten hilflos fest. „Ob das dort hinten ein Parkhausschild ist?“ „Sieht so aus, bieg da mal ab.“ Es war das Parkhausschild. In die andere Richtung. Etwas mehr als eine halbe Stunde später waren wir wieder an unserer Ausgangsstelle und konnten erneut Anlauf nehmen. Völlig entkräftet, fluchend und mit einer Laune, die Freddy Krüger sympathisch wirken ließ, stellte ich den Wagen ab. Nach zwanzigminütiger Suche des Parktickets, das gerade eben noch da gewesen war, machten wir uns also leicht federnden Schrittes in unseren farbenfrohen Regenjacken auf, das schnuckelige Galway zu erkunden.

Zwischen grauen Hochhäusern hindurch, eine als Park deklarierte Verkehrsinsel durchquerend und kräftig durchnässt fanden wir das Herz Galways: die Fußgängerzone bis zum Hafen hinunter. Vor dem nun aufgekommenen starken Wind Schutz suchend und um der irischen Tradition genüge zu tun steuerten wir eines der gut besuchten (an einem Freitag Nachmittag ist der anzugtragende Ire selbstverständlich mit einem Pint Guinness beschäftigt) Pubs an. Unter dem etwas deplaziert wirkenden Sonnendach vor dem Pub fanden wir noch Platz und konnten staunend die Menge auffallend vornehm gekleideter, völlig trockener, Iren zwischen den klatschnassen Touristen auf der Straße vor uns betrachten. Iren sind regenabweisend. Die Damen trugen die auffallenden, grauenhaften Hutkonstellationen, die man sonst nur bei Engländerinnen der gehobenen Klasse findet, die Herren flanierten im Anzug und mit Guinness. Erst später, nachdem wir nach einem nassen, frustrierend ernüchternden Rundgang Galway wieder verlassen hatten, offenbarte sich des Grauens Grund: die Galway Races. Wir hatten in unserer Ahnungslosigkeit das Wochenende der Pferderennen ausgesucht, das jährliche Highlight der Region.

Galway und seine behuteten Bewohner fluchtartig, frierend und enttäuscht verlassend steckten wir noch eine Weile im nervenzerrenden Verkehr fest und erreichten endlich wieder die langen, ruhigen Straßen, die uns 20 km hinter Galway zu unserer einsam am Rande des Ortes Oughterard bei Schloß Aughnanure (für die Aussprache habe ich mit diversen Taxifahrern, Pubinsassen und unserem Gastgeber ausführlich geübt!) gelegenen Unterkunft, dem Mountain View B&B. Nach ausgiebiger Aufwärm- und Erholungsphase rafften wir uns bei bereits eingebrochener Dämmerung dann wieder auf und ließen uns von dem winzigen, aber umso liebenswerteren Ort, den die Iren als Ferienregion zum Angeln nutzen, verzaubern. Viele der kleinen Geschäfte hatten noch geöffnet und aus den Gaststätten klang angenehm fröhliches Stimmengewirr. Wir wurden trotz später Stunde freundlich und nett abgefüttert und konnten schließlich mit der Welt versöhnt und voll Vorfreude auf den nächsten Tag in unser fast bequemes Bett fallen.

Nothing happendImmer noch hustend und schniefend, dafür aber deutlich erholter und voll Neugier auf den Tag machten wir uns nach vorzüglicher Verpflegung auf den Weg, Connemara zu erleben. Der langen, leeren Hauptstraße nach Westen Richtung Clifden folgend offenbarte sich uns bald eine ganz neue, wunderschön karge Landschaft aus vielen kleinen Seen und Bergen, mit vielen Schafen und humorvollen Sehenswürdigkeiten. Das im Reiseführer noch eindrucksvoll beschriebene Maam Cross – eine Straßenkreuzung mitten im Nichts – durchfahrend wichen wir bald von der touristenüblichen Reiseroute ab und fuhren an die südliche Küste Connemaras, nach Roundstone. Etwas fluchend den unfassbar schmalen Sträßchen mit den schon liebgewonnenen niedrigen Steinmauern folgend erreichten wir den liebenswerten kleinen Fischerort.

Der hauptsächlich aus der kleinen Küstenstraße mit kleiner Promenade, einigen Restaurants und B&B’s bestehende Ort erstreckt sich südlich hin zu einem kleinen Künstlerviertel, wo wir entspannt entlang schlendernd einer Töpferin bei der Arbeit zusahen, das Schild zum Bongotrommler ignorierten, die üblichen Schmuckauslagen beschmunzelten und rasch wieder verließen. Auf der Suche nach einem Meerzugang beobachteten wir gerade das Künstlerviertel wieder verlassend ein paar Französinnen, wie sie aus einem Gatter und dem dahinter liegenden Feldweg strahlend die Straße betraten. Nach kurzem Überlegen beschlossen wir, etwaiges Privateigentum zu ignorieren, öffneten das Gatter und betraten eine neue Welt. Dicht mit Farnen, Moos und Palmen bewachsene, sanfte Hügel wurden von flauschigen Schafen begrast, während wir dem schmaler und unwegbarer werdenden Pfad nach Süden folgten. Begeistert auf einen Trampelpfad durch die hohen, saftigen Gräser abbiegend hörten wir bald das Meer deutlich rauschen und plötzlich tat sich zu unserer Linken durch Irische Karibikeinige Palmen hindurch der Blick auf einige Felsen und die dahinter liegende sonnenbeschienene und völlig einsame Bucht auf. Erfüllt von karibischen Glücksgefühlen stolperten wir über die nassen Felsen hin zu dem weißen Sandstrand und dem dem türkisfarben schimmernden Meer, rissen uns die Kleider vom Leib und stürzten uns die warmen Fluten.

KaribikstrandDie vermeintlich warmen Fluten erinnerten uns spontan daran, dass wir gar keinen Strandurlaub in der Karibik, sondern einen Aktivurlaub in Irland gebucht hatten. Nach kurzem hohen Quieken gefolgt von nochmaligem (selbstverständlich unfassbar männlichem) Quieken unterbrachen wir unsere eiskalte Badetätigkeit, um mit T-Shirt und Fliesjacke wenigstens hälftig warm gehalten zu den warm angestrahlten Felsen zu waten, wo der mitgebrachte Cider besonders gut schmeckte. Mit dem nachhaltig eingedrückten Muster des scharfkantigen Muschelbewuchses der Felsen auf meiner Hinterseite planschten wir schließlich zurück ans Ufer, wo die einsetzende Flut unserer abgelegten Kleidung bereits klischeehaft nahe gekommen war.

RoundstoneGlücklich und erfüllt von Sonne, Landschaft und unserer einsamen Bucht streiften wir noch etwas durch die – wie sich herausstellte – sumpfigen Hügel, genossen den Sonnenschein, betrachteten durch das hohe Gras die Schäfchenwolken und versuchten erfolglos die leibhaftigen und sehr unkooperativen Schafe zu knuddeln, bis wir letztendlich wieder das Tor zum Paradies passierten und das Gatter schließlich hinter uns schlossen. Die auf der Meerblick-Terrasse des zentral gelegenen kleinen Restaurants an der Küstenstraße servierten, vorzüglichen Muscheln mit Pommes (offensichtlich nicht nur ein bretonischer Klassiker) und die dazu servierten Chicken Salad Sandwiches (Ich: „Cheese Sandwiches, please!“ – Kellner: „No, you get Chicken Salad.“) rundeten den Besuch in Roundstone und meine Begeisterung für den Ort ab.

Um unser Connemara-Erleben zu vervollkommnen beschlossen wir, der Mann am Steuer und die Frau mit Plan, nicht wieder der Hauptstraße zurück zu folgen, sondern die kleine schmale Straße um die nächste winzige Halbinsel an der Küstenlinie entlang zu fahren. Der Mann am Steuer heftete bei Anblick der schmalen Wege den Blick auf die Straßen, verstärkte den Griff um das Lenkrad, verlangte die Einschaltung des Navigationsgeräts (4 Kreuzungen bis zurück nach Oughterard), gab Vollgas und ignorierte die nächsten zwei Stunden die atemberaubende Landschaft mit Felsen, flachen Wiesen, dunkelblauen Seen und leicht diesiger Bergschatten im Hintergrund. Bei Maam Cross diesmal aus südlicher Richtung angekommen, hatte ich einige neue Flüche und einen wunderschönen Landstrich kennengelernt und konnte den erschöpften Mann am Steuer ganz ohne Plan die gerade Straße bis zurück zu unserem B&B navigieren.

Nach einem kurzen, netten Plausch mit unserer Gastgeberin bot diese liebenswert an, uns die wenigen Kilometer in den Ort hinunter zu fahren, sodass wir für den Abend kein Auto benötigen würden. Eine Viertelstunde später erschien der vom Sofa aufgescheuchte, aber ebenso liebenswerte Ehemann und fuhr uns bis vor das empfohlene Pub, während er auf der Fahrt mit mir enthusiastisch die Aussprache seines Wohnortes übte.

Im Restaurant angekommen füllten wir unseren Tisch mit Speisen und der großen Straßenkarte Irlands, schwelgten bereits anhand der zurückgelegten Strecke in Erinnerungen und ließen uns schließlich in die im ersten Stock gelegene Lounge verfrachten, wo wir in gemütlichen Sesseln unser Guinness verköstigten und unseren Rückweg zum Kerry Airport am nächsten Tag in Augenschein nahmen. Satt und zufrieden beschlossen wir einen großartigen Urlaub im Pub nebenan in irisch-uriger Gesellschaft bei irischen Getränken in irischer Menge und bereuten dies nicht einmal am nächsten Morgen, als wir in aller Frühe unsere Sachen packten und das liebgewonnene westliche Irland noch einmal, nun Richtung Süden, durchquerten.

Viele Stunden später stolperten wir müde zurück auf die heißen, staubigen Straßen der lauten Großstadt, im Kopf den Traum vom kühlen, saftigen Land der Palmen, Patrioten und Schafe.

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Irlands Westküste Teil 2 – Cliffs of Moher, The Burren

Nachdem wir bereits die westirischen Klassiker Killarney und den Ring of Kerry hinter uns gelassen hatten verließen wir nun auch Dingle, wobei wir die Halbinsel einmal in nördlicher Richtung durchquerten, um – eigentlich – mit der Fähre auf das nächste Stück westliches Festland überzusetzen und dort weiter bis Doolin und den Cliffs of Moher weiterzufahren.

Der frischgebackene Linksverkehrfahrer neben mir steuerte also nach kurzen Anlaufschwierigkeiten unseren Mietwagen frohgemut entlang der schmalen, durch niedrige Steinmauern begrenzten, Straßen mit der phänomenalen Aussicht auf die umliegende Hügellandschaft und beschloß in guter alter Rechtsfahrermanier schließlich, den entgegenkommenden Fahrzeugen an einer Engstelle auf eine rechts gelegene Haltebucht auszuweichen. Klappte nicht, wir blockierten nunmehr die Fahrbahn. Also wurde für einen neuen Anlauf der Rückwärtsgang eingelegt. Ohrenbetäubendes metallisches Kratzen irgendwo aus dem vorderen Teil unseres Autos berechtigte zu der Annahme, dass wir unmittelbar vor einer todbringenden Explosion standen und der Wagen jeden Moment in die Luft fliegen, sich dabei mehrmals überschlagen und in Flammen aufgehen würde. Hollywood schickte Grüße. Wir hielten also, kaum von der Fahrbahn runter, an und ich marschierte mit suchender Kennermine und völliger Ahnungslosigkeit um das Fahrzeug herum, während der Mann mit Plan panisch nach dem Öffner für die Motorhaube suchte und den Tankdeckel aufspringen ließ. Kurze allgemeine Ratlosigkeit. Ein freundlicher Mensch mit Basecap, der sicherlich im amerikanischen Fernsehen eine Handwerkersendung leitet, kam uns zu Hilfe. Es sei nicht weiter tragisch, es seien vermutlich nur die Bremsen. Vorwärts könnten wir bestimmt fahren, nur rückwärts sei ungünstig. Nach dieser einleuchtenden Argumentation überprüften wir nicht völlig beruhigt das Vorwärtsfahren, trösteten uns damit, dass es ja nur die Bremsen seien, und setzten unseren Weg unter leichter nervlicher Anspannung fort. Die freundliche Dame der Mietwagenfirma am Telefon reagierte ähnlich. Nur die Bremsen, kein Problem. Aber wir sollten vielleicht doch mal zum nächsten Standpunkt der Vermietung fahren, Shannon-Airport liege ja quasi auf dem Weg.

Ein Blick auf die Karte ließ meine Hoffnung auf eine Fährfahrt sinken und wir machten uns daran, die Küstenlinie abzufahren, durchquerten die Stadt mit dem wundervoll zu trällernden Namen Tralee und kamen erstmals in etwas dichter besiedelte Gegenden, die neben zweispurigen Straßen den Mann mit Plan vor ganz neue Herausforderungen stellten: Kreisel! Der EndbossNachdem wir die ersten Kreisel noch fluchend, weitere Kreisel mit leicht gebrüllter Nervosität und viele der folgenden Kreisel mit resigniertem Kopfschütteln des bereits etwas erschöpften Fahrers überstanden hatten wurde ich durch ein verzweifelt gestöhntes „Oh Gott, der Endboss!“ in alter Computerspielmanier auf das Schild mit Doppelkreisel aufmerksam gemacht. Das Level dennoch souverän beendend überlebten wir auch dieses Abenteur, ließen auch Limerick rasch hinter uns und erreichten schließlich den Flughafen in Shannon. Hier erklärte ich dem mich etwas ungläubig betrachtenden Werkstattmenschen – an derartige Blicke dieser Berufsgruppe bin ich völlig zu Recht gewöhnt – unser Problem. Nach einer kurzen Probefahrt kam es wie immer, wenn ich in eine Werkstatt fahre. Der Mensch mit Ahnung schaute mich herblassend freundlich an, erklärte, er könne kein „scratching noise“ allenfalls ein leichtes „rattling noise“ feststellen (das laute metallische Kratzen war natürlich verschwunden) und versicherte, dass wir ungefährlich weiterfahren könnten. Wenn überhaupt, seien es wohl ohnehin nur die Bremsen gewesen. Der Mann mit Plan nahm erleichtert streikend auf dem Beifahrersitz Platz und ich steuerte unseren Hollywoodwagen nun wieder Richtung Doolin.

Irischer FriedhofBald die seltenen Autobahnen und gut ausgebauten Straßen wieder verlassend kurvten wir, wieder dem schlagenden Geräusch der Äste am linken Außenspiegel folgend, die schmalen Straßen entlang, pausierten an einem malerisch verwitterten Dorffriedhof mit den typischen Steinkreuzen und erreichten bei strahlendem Sonnenschein und echtem Roadtripgefühl das an der Küste verstreut gelegene Dorf Doolin. Der Ort selbst ebenso wie der etwas entfernt gelegene Hafen waren wenig sehenswert. DoolinGanz anders allerdings der Ausblick von den lang gezogenen Felsformationen in unmittelbarer Nähe zum Hafen. Während der Ozean vor uns an die Felsen donnerte und die sprühende Gischt mit der Sonne die schönsten Regenbogen vor uns zauberte, konnten wir gar nicht weit entfernt die schwarz in den Ozean ragenden Cliffs of Moher bewundern.

Erfüllt von diesem Anblick und vom Wind kräftig zerzaust trieb es uns die letzten wenigen, aber dafür umso schmaleren Kilometer bis zu unserer, ganz nah an den Cliffs of Moher gelegenen Unterkunft. Diese lag unmittelbar und ohne Nachbarhäuser an der langen Landstraße mit Blick auf weite, wehende Wiesen, Kühe und den Ozean. Wir wurden von dem dicken, gemütlichen Hund hinter dem Haus ebenso freundlich wie von der jungen Hausherrin begrüßt, die uns nicht nur unser unfassbar sauberes und liebevoll eingerichtetes Zimmer zeigte, sondern auch gleich begeistert den Fußweg (immer an der Straße lang, mit Bürgersteigen haben es die Iren nicht so) zu den berühmten Klippen und dem Küstenwanderweg beschrieb. Als Mann mit und Frau ohne Plan nickten wir artig Island View B&B Doolinund stiefelten nach kurzer enthusiastischer Zimmerinspektion in entgegengesetzter Richtung los. Nach Aussage des Mannes mit Plan war der Küstenweg bis in den Ort Doolin nur wenige Kilometer weiter. Nach Aussage des Mannes mit Plan sollte es da ein legendäres, sehenswertes und phänomenales Pub, das O’Connors, geben. Hatte er gelesen, der Mann mit Plan.

Wiesen in DoolinBeinahe der erhaltenen Wegbeschreibung folgend marschierten wir also einige Meter entlang der Landstraße zwischen den saftigen Wiesen und ebensolchen Schafen entlang, beschlossen dann uns über eine der fast begehbar aussehenden Wiesen zum schöneren Küstenwanderweg durchzuschlagen und versanken für eine lange Zeit in einem Meer aus für Schafe sicher sehr wohlschmeckenden Gräsern. Hin und wieder einen Weidezaun oder eine Steinmauer überwindend, vorbei an den Ruinen alter Steinhäuser, kletterten wir schließlich fast neben dem Schild „Vorsicht, gefährlicher Stier“ auf den wunderschönen Küstenwanderweg. Dieser verbindet Doolin mit den Cliffs of Moher und führt, stetig an meinem heißgeliebten Abgrund, unmittelbar entlang der Küstenlinie, um die vom Ozean in die Felsen gespülten Höhlen herum und durch die emporschlagende Gischt der viele Meter weiter unten aufschlagenden Wellen. Schon deutlich erschöpft und dank des fast schon liebgewonnen irischen Wetters im leichten Fieberwahn wanderten wir mit Blicken auf Ozean auf der einen und Schafen auf der anderen Seite bis Doolin, dessen Auftauchen in der Ferne mit dem Versprechen von erfrischenden Kaltgetränken beinahe Freudentaumel verursachte.

Da war es, das legendäre O’Connors. In einer Reihe kleiner Häuschen direkt an der zum Hafen führenden Straße stach die im klassischen Pub-Stil gehaltene Fassade hervor. Bei der Fassade blieb es dann auch. Das vermeintlich kleine und liebenswerte Pub betretend schlug uns neben dem ohrenbetäubenden Lärm großer Menschenmassen auch der nasse, warme Dunst nasser Menschenmassen entgegen. Unfreundliche Bedienungen bugsierten uns durch die große, unpersönliche Futterhalle (die offensichtlich den vollständigen, von außen wie eine Reihenhaussiedlung aussehenden Gebäudekomplex ausfüllte), platzierten uns an einem sagenhaft widerlichen Tisch voller Essensreste neben eine müde chinesische Familie und verschwanden. Wie wir herausfanden, musste man das Essen selbst schlangestehend an der Theke ordern. Nach notdürftiger Sättigung flüchteten wir zügig aus dem Pub und trotteten nun frierend zu dem deutlich entfernten anderen Pub, das wir auf der Hinfahrt gesehen hatten. Mehr gab es in diesem verstreuten Ort allem Anschein nach nicht. Hier an der Überfüllung des Pubs scheiternd ging es bereits maulend und niedergeschlagen zurück und, nachdem selbst der Whisky nicht half, dank der Hilfe eines wiederum unfreundlichen Kellners mit einem wesentlich netteren Taxifahrers zurück in unsere Unterkunft. Ich war bedient und nahm mir vor, höchstpersönlich jeden Reiseführer zu verklagen, der dieses überall erwähnte Pub empfiehlt.

Am nächsten Morgen schon deutlich erholter, wenn auch mit heftiger Schniefnase und sagenhaften Rückenschmerzen – weiche Betten sind nur im Märchen prinzessinnenhaft, ich würde die Erbsen bevorzugen – ging es in den durchaus märchenhaften Frühstücksraum, der eine Panoramaaussicht auf Wiesen, Meer und die entfernt liegenden Inseln bei schönstem Sonnenschein bot. Wieder durch das übliche, deftige Irish Breakfast gestärkt und nach einem ausführlichen Plausch mit unserer liebenswerten Gastgeberin (auf dem Küstenwanderweg sind schon Menschen gestorben!) machten wir uns auf den Weg zum nicht weit entfernten Burren Nationalpark. Der wie üblich mit Karten tanzende Mann mit Plan verschwand hinter den mit bunten Strichen bedruckten Papieren, während ich uns zur Touristeninformation fuhr, wo die nette Dame mir den Weg zum Start der Wanderrouten beschrieb und der Mann mit Plan mit weiteren Wanderkarten liebäugelte.

The BurrenDerartig planvoll kamen wir am Ausgangspunkt für die farblich markierten Wanderungen an, marschierten eine halbe Stunde motiviert und energisch in die falsche Richtung und waren mit einem unfreiwilligen, aber netten Umweg über den dortigen Naturwanderweg schließlich auf dem richtigen Kurs, der uns nach kurzer Asphaltwanderung schließlich in die mondartige Stein- und Felsenlandschaft des Burren entführte, wo wir über die grauen, glatt geschliffenen Steinformationen mit ihrem vielseitig blühenden Moosbewuchs stapften. Hierbei tat sich dann rasch der Blick auf unser Ziel auf: der große Kuhfladen. In mehreren glatten, grauen Lagen erhob sich der breite Hügel vor uns, der viele, aber durchgehend unappetitliche Assoziationen hervorrief. Auf dem Fladen angekommen genossen wir den Ausblick über die unwirklich wirkende Landschaft des Nationalparks, marschierten um den Hügel herum, wechselten mit dem Wetter im Zehnminutentakt unsere Kleidungsschichten und trafen schließlich einige Stunden später etwas erschöpft aber glücklich wieder bei unserem Ausgangspunkt ein.

Cliffs of MoherVon der traumhaften Wanderung erfüllt und ausgehungert, vom Durst gar nicht erst zu sprechen, erreichten wir wieder unsere Unterkunft etwas abseits von Doolin und beschlossen motiviert, einen kurzen Abstecher zu den vermeintlich nahen Cliffs of Moher zu machen bevor wir dann entlang des Küstenwanderwegs wieder den Ort Doolin aufsuchen wollten. Wie eine Recherche mit dem unfassbar neuen Medium Internet ergeben hatte, ging der Ort, für Uneingeweihte nicht erkennbar, nämlich noch einige Kilometer weiter und wurde dort um zwei weitere Pubs bereichert. Wir marschierten also wieder quer über eine der wogenden Wiesen, kletterten bereits gekonnt über Steinhaufen, Sümpfe und Zäune, bis wir den Trampelpfad an der hohen Küste erreichten. Bei wieder traumhaftem Ausblick ließ sich bald eine erhöhte Touristendichte feststellen und das Nahen der Klippen vermuten. Nach kurzem, steilen Anstieg, ausgelacht von den am Hang grasenden Bergschafen eröffnete sich uns dann die atemberaubende Sicht auf die berühmten Klippen. Während die noch einige hundert Meter entfernte Besucherplattform den offensichtlich minderbemittelten Durchschnittstouristen (die ansässige Gastronomie verzichtet, wohl aus Angst vor alkoholbedingten Flugbedürfnissen, auf jegliche Ausgabe der landestypischen Getränke) durch eine lange Mauer von dem Abgrund hinter den hohen Klippen trennt und so zwar nicht die Aussicht, aber doch das Erlebnis versaut, hat der Wanderbegeisterte etwas weiter Richtung Doolin mit den Beinen am Abgrund baumelnd freien Blick auf die eindrucksvollen Felsformationen, während ihm der Wind dabei in starken Böen um die Nase weht.

Etliche Fotos und ein Du-hattest-jetzt-deinen-Spaß-komm-weg-da später machten wir uns begeistert von einem erschöpfend ergiebigen Tag auf den gar nicht weit klingenden Weg zurück nach Doolin und dem dort ausgesuchten Pub, wo wir viele schöne Momente und zwei Stunden später schließlich und endlich auch eintrafen. Anders als am Vortag wurden wir hier freundlichst in Empfang genommen, gegenüber einem die Nachtischkarte durchprobierenden, monströsen Italienerpärchen platziert und mit leckerem Irish Stew, Guinnes und Irish Coffee versorgt. Die vom Wind ausgekühlten Ohren fingen bald nicht nur von der warmen Begrüßung an zu glühen. Uns auf der zugehörigen Terrasse wieder etwas abkühlend bescherte uns das Schicksal einen fliegenden Iren, der guinnesbedingt vor uns auf die Knie ging. Seinem vor Lachen außer Gefecht gesetzten Freund zuvorkommend richteten wir den Guten wieder auf, was uns das Vergnügen einer Unterhaltung einbrachte. Nachdem wir die Aussprache sämtlicher deutscher Fußballnationalspieler eingehend geübt hatten, wurden wir über die historischen Beziehungen Irlands zu den [hier bitte angemessenen Kraftausdruck in adjektivischer Form einsetzen] Engländern aufgeklärt. Unser neuer Freund lebt zwar mittlerweile in Australien, aber für den Fall eines Krieges gegen England würde er dann doch wieder zurück kommen. Um für sein Vaterland zu sterben. Das würde den [variierenden Kraftausdruck in adjektvischer Form einsetzen] Engländern ganz recht geschehen. Derart über die politische Lage des Landes und der Verehrung deutscher Fußballer aufgeklärt vergingen Zeit und Guinness. Das mit gemütlicher Livemusik beschallte Pub schenkte den letzten Whisky aus und schloss die Bar. Ebenso geschlossen hatten die Taxiunternehmen. Unser patriotischer Freund und seine Frau erklärten freundlich, dass sie in die entgegengesetzte Richtung müssten und wir einfach mit in ihr Taxi steigen sollten. Der Logik wiederum nicht ganz folgen könnend gaben wir unter Berücksichtigung der ziemlich nassen äußeren Umstände aber schließlich nach und schlüpften in das bald ankommende Großraumtaxi. Kaum, dass die Türen geschlossen waren, lief unser patriotischer Freund zur Hochform auf. Mit tiefer Tragik in der versoffen rauhen Stimme stimmte er die alten irischen Weisen an, die von dem wiederkehrend erhofften „Battlefield against England“ und den dramatischen, irischen Helden vergangener Tage handelten. Der hierbei zufrieden grinsende Taxifahrer steuerte zielstrebig den nächsten Pub an, wo ein Paar mittleren Alters aus Dublin zustieg, die kurz lauschten und sich dann mit voller Inbrunst dem gesungenen Kriegszug unseres patriotischen Freundes anschlossen. Mit diesem musikalisch-kulturellen Genuss fuhren wir in die für uns völlig falsche Richtung, setzten für offenbar grob geschätzte elf Euro unsere Dubliner Freunde ab, drehten um und bretterten nun völlig orientierungslos bei Versiegen der irischen Kampflieder die dunklen, engen Straßen entlang. Nach unserem auf Wunsch im Gegenzug schließlich dargebotenen deutschen Kanon, der völlig zu Unrecht bei unserem patriotischen Freund größte Begeisterung hervorrief, warf uns der Taxifahrer dann mit spontan geschätzten sechs Euro vor unserer Unterkunft aus dem Auto, wendete und verschwand mit unseren Freunden im Dunkel der langen, stillen Straße.

Von soviel einheimischer Kultur noch etwas benommen standen wir eine Weile im stillen, dunklen Nieselregen bis wir uns besannen und mit gezücktem Schlüssel an die Eingangstür herantraten. Richtigen Schlüssel finden, Schlüssel ins Schloss stecken, drehen und – nochmal versuchen zu drehen, panischer versuchen zu drehen, akzeptieren, dass von innen ein anderer Schlüssel steckt. Nach kurzer, durch den aufkommenden Sturm mit dem peitschenden Regen etwas beschleunigter Scham, beschlossen wir zu klingeln. Keine Reaktion. Ein etwas weniger schüchterner Klingelversuch schloss sich an, gefolgt von energischem Dauerklingeln bis hin zu panischem Zerquetschen des Klingelknopfs. Der Anrufbeantworter unserer Gastgeberin erklärte freundlich, dass gerade niemand erreichbar sei. Der Blödmann. Ein erster Spaziergang um das Haus offenbarte kein ebenerdig geöffnetes Fenster. Ratlos standen wir eine Weile vor der Haustür und dachten nach, nur unterbrochen von dem mechanisch wiederholten, verzweifelten Klingeln. Schlüssel drehen, Klingel drücken, Telefon angucken, Schlüssel drehen, Klingel drücken, Fenster betrachten, Klingel drücken, Fenster… Das Klofenster! Dank der leichten irischen Kost war die Öffnung desselben vor unserer Abfahrt erforderlich gewesen. Das im Erdgeschoss gelegene Badezimmer hatte nicht nur das nicht zu öffnende, große Fenster in Brusthöhe, sondern auch eine kleine, nach außen aufzuklappende, Luke obendrüber. Da Guinness nicht nur betrunken macht, sondern auch die Ausschüttung von Glückshormonen begünstigt, die die Frau sich schlanker fühlen lassen, kletterte ich von dem Mann mit Plan empor gehievt zu der kleinen Öffnung. Kopfüber mit den körpermittig angesiedelten weiblichen Rundungen im Fenster steckend rutschte ich also alle Kletter- und Bouldererfahrung lobpreisend weiter, klemmte mit den Füßen am Fensterrand, bis ich schließlich Spülkasten und Klodeckel erreichen konnte und lief langsam auf Händen und mit vielen, stolzen blauen Flecken auf den Badezimmerboden. Sieg! Ich fühlte mich wie ein Ire nach dem Wetttrinken mit einem Engländer. Enthusiastisch rannte ich zur Zimmertür, um den Mann mit Plan hereinzulassen – und prallte zurück. Neuer blauer Fleck. Ach ja, der Schlüssel. Der Abend endete schließlich damit, dass der Mann mit Plan durch eines der größeren Fenster kletterte und sich am nächsten Morgen über das Schnarchen im leeren Bett wunderte. Blaue Flecken und weiche Betten, das ist einer irischen Heldin nicht würdig. Vom irischen Kampfgeist erfüllt hatte ich eine erholsame Nacht auf dem sagenhaft gemütlichen Teppich verbracht. Gemütlichkeit können sie, die kampfbereiten Iren. Guinness auch.

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